Mit Geschichte die Zukunft neu denken

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Eine Szenenimpression aus Sunville mit einem schwarzen Bällebad im Vordergrund und einer Insel, die sich daraus erhebt. Dort stehen, sitzen und lagern u. a. Die furchtlose Ex-Königin, Die Frau mit den langen Zöpfen, Der Boxer im Ruhestand, Der Erzähler, Der Tänzer aus der Zukunft
Eine Szenenimpression aus Sunville © Thomas Aurin
 

Sofia Jernberg, Fiston Mwanza Mujila und Stephanie Thiersch im Gespräch mit Flavia Wolfgramm

    

Flavia Wolfgramm Was ist Sunville?

Stephanie Thiersch Sunville ist ein Ort, der wahr wird, ein Experiment, eine unperfekte humane, dreckige Utopie, in der Vergangenheit und Zukunft zusammenfallen.

Fiston Mwanza Mujila Für mich ist Sunville eine glückliche Utopie, voller Hoffnung. Wir brauchen Utopien in einer Welt, die von Krisen aller Art geprägt ist.

Aus welchen Geschichten, Erinnerungen und Mythologien setzt sich Sunville zusammen?

Fiston Mwanza Mujila In meiner Familie gibt es Erzählungen, Märchen, Gebete, Geschichten und Anekdoten, die von Generation zu Generation weitergegeben werden – bei Beerdigungen, Hochzeiten oder Geburten. Wenn ich schreibe, schöpfe ich aus dem überlieferten Wissen. Mich faszinieren Erzählungen, die Jahre und Jahrhunderte überdauern. Es sind Orte voller Weisheit, voller Menschlichkeit. Aber ich schaffe auch Neues. Für Sunville wollte ich eine menschliche, zeitlose und länderübergreifende Geschichte erzählen.

Sofia, auch du arbeitest mit Erinnerung und Überlieferung. Welche Rolle spielen musikalische Zitate und Referenzen in deiner Komposition?

Sofia Jernberg Normalerweise arbeite ich nicht so stark mit musikalischen Zitaten. Hier ergab sich die Entscheidung aus dem Libretto. Der Text ist sehr dicht; er brauchte einen musikalischen Rahmen, der ihn tragen konnte, ohne ihn durch meine eigene, manchmal recht komplexe Musiksprache zu überlagern.

Ich habe eine enge Beziehung zur europäischen klassischen Tradition. Mit dieser Musik bin ich aufgewachsen, sie ist Teil meines eigenen musikalischen Selbstverständnisses. Gerade deshalb kann ich sie aber auch umkehren, hinterfragen und in andere Kontexte stellen. Musikalische Zitate ziehen in meinen Kompositionen wie ein Hauch der Vergangenheit vorbei, fast wie ein Parfüm. Sie lassen Geschichte, Erinnerung und kulturelle Assoziationen in die Musik einfließen.

Ein Blatt mit Noten aus dem Dies Irae
Dies Irae - Aus der Partitur von Sunville © Sofia Jernberg
 

 

Wie zeigt sich das konkret?

Sofia Jernberg Das Dies irae (obenstehende Abbildung) ist dafür ein gutes Beispiel. Zunächst kann das musikalische Material einfach melancholisch wirken. Sobald die Referenz erkennbar wird, kommen ihre Geschichte und die Assoziationen hinzu, die sie mit sich trägt. Im Zusammenspiel mit dem Text öffnet sich eine weitere Ebene. Die Wirkung wird dadurch viel körperlicher. Mich interessiert genau diese Spannung: zwischen dem, was an der Oberfläche zu hören ist, und allem, was darunter liegt.

Das Dies irae, der «Tag des Zorns», ist ein mittelalterlicher lateinischer Gesang über das Jüngste Gericht und war über Jahrhunderte Teil der Totenmesse. Du zitierst ihn aus Franz Liszts Totentanz, in dem die alte Melodie in zahlreichen Variationen verarbeitet wird. Gibt es auch Referenzen, die über ein kurzes Zitat hinausgehen?

Sofia Jernberg Ja. Eine besondere Rolle spielt Maraba Blue des südafrikanischen Pianisten und Komponisten Abdullah Ibrahim (untenstehende Abbildung). Das Stück bildet den musikalischen Grundstein für das Ende des ersten Aktes.

Eine Seite aus Sofia Jernbergs Partitur zu Sunville.
Das Maraba Blue aus der Partitur von Sunville © Sofia Jernberg
 

 

Stephanie, wie werden Musik und Text für dich zu Bewegung und Raum?

Stephanie Thiersch Ich arbeite mit Assoziationen, Bildern und Atmosphären, zunächst im leeren Raum – mit Improvisation, Variation und Wiederholung. Im Tanz entsteht vieles gemeinsam und organisch im Prozess. In der Oper bilden das Libretto und die Komposition dagegen eine Rahmung, die mich reizt und herausfordert. Mich beschäftigt, wie sich Musik und Text in körperliche Raumbilder übersetzen, verschieben und überlagern lassen. Mich inspirieren dabei die Menschen, mit denen ich arbeite, und das Leben selbst: eklektisch, vielstimmig, chaotisch.

Dabei arbeitest du mit Tableaux vivants, mit lebenden Bildern. Was interessiert dich am Stillstand?

Stephanie Thiersch Mich interessieren Tableaux vivants, wenn sie zu einem Spiel mit dem kulturellen Gedächtnis werden, mit unseren menschlichen Bilderarchiven. Deren Ursprung haben wir vielleicht vergessen, ihre Machtstrukturen wirken jedoch weiter.

Ein Tableau vivant kann die Essenz einer Szene in einer Situation verdichten, indem es die Zeit dehnt. Darin liegt für mich ein Paradox: Im Stillstand hören und sehen wir mehr.

Fiston, die Erzählung von Sunville löst sich von einer linearen Zeit. Was ermöglicht dir das nichtlineare Erzählen?

Fiston Mwanza Mujila Es gibt nicht nur eine Art, eine Geschichte zu erzählen, sondern tausendundeine. Man kann am Anfang beginnen, am Ende oder zurückgehen und sich selbst widersprechen. Manche Geschichten lassen sich unmöglich linear erzählen.

Meine Großeltern, die die Kolonialzeit erlebt haben, erzählten ihre Vergangenheit nie chronologisch. Geschichte anders zu erzählen bedeutet für mich, neue Türen des Verständnisses und andere Perspektiven zu öffnen. Dasselbe Ereignis kann aus gegensätzlichen Blickwinkeln erlebt und erzählt werden. Manchmal kann Chronologie die Poesie einer Geschichte sogar zerstören.

Und alle erzählen. Nicht nur Menschen, sondern auch Tische, Blumen, Möbel, Vulkane usw.

Sofia, auch in deiner Musik gerät die Chronologie durcheinander. Was passiert, wenn unterschiedliche musikalische Zeiten gleichzeitig präsent sind?

Sofia Jernberg Etwas, das ich selbst komponiert habe, kann manchmal so wirken, als stamme es aus einem anderen Jahrhundert. Mich interessiert, was passiert, wenn mehrere musikalische Epochen gleichzeitig präsent sind und aneinander reiben, bis die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen. Walter Benjamins «Engel der Geschichte» ist für mich dabei ein wichtiges Bild. Die Vergangenheit kommt niemals unversehrt bei uns an. Anstatt Geschichte als eine Linie zu behandeln, die sich durch das Stück zieht, versuche ich, sie auseinanderzunehmen und neu zu ordnen. Fragmente tauchen an unerwarteten Stellen wieder auf und treten in neue Zusammenhänge. Vielleicht müssen wir Geschichte griffbereit haben, um sie neu ordnen und uns dadurch auch Zukunft anders vorstellen zu können.

Fiston, Wiederholung ist für dich ein wichtiges Stilmittel. Was verändert sich, wenn etwas wiederholt wird?

Fiston Mwanza Mujila Wiederholung symbolisiert das Leben. Als Menschen wiederholen wir jeden Tag dieselben Handlungen. Als Dichter ermöglicht mir Wiederholung, Musik, Rhythmus und Poesie zu schaffen. Die perfekte Wiederholung gibt es nicht. Eine Geste zu wiederholen, bedeutet immer auch, eine andere Geste auszuführen. Ich komme aus einem Land, in dem man dieselbe Geschichte tausendmal erzählen kann und die Menschen jedes Mal zuhören. Denn mit jeder Wiederholung kommen neue Details hinzu, seien sie noch so klein.

Vergangenheit und Zukunft fallen in Sunville immer wieder ineinander. Welche Rolle spielt dabei der Afrofuturismus?

Fiston Mwanza Mujila Meiner Meinung nach könnte Afrofuturismus auch in anderen kulturellen Räumen Afrikas oder der afrikanischen Diaspora existieren – unter anderen Namen oder Identitäten. Unser Afrofuturismus ist nicht unbedingt in der US-amerikanischen Kultur verwurzelt, aber er ist mit unserer Geschichte verbunden. Ich bin Kongolese. Ich wurde in einer Diktatur geboren, meine Eltern in der Kolonialzeit. Meine Familie hat die Gewalt der Mobutu-Diktatur erlebt. Nun lebe ich seit über fünfzehn Jahren in Europa und betrachte die Welt zugleich aus Graz und aus Lubumbashi, meiner Heimatstadt.

Was mir am Afrofuturismus gefällt, ist die Möglichkeit, eine andere Welt zu erfinden. Genau darin liegt für mich Sunville: in der Hoffnung, die eine Utopie möglich macht.

Stephanie, wie wird diese Utopie zum konkreten Bühnenraum?

Stephanie Thiersch Ich wollte einen logischen und zugleich unlogischen Ort imaginieren, der das Geschehen immer wieder in ein anderes Licht taucht. Fiston beschreibt einen besseren Ort – und gleichzeitig nicht; bessere Menschen – und gleichzeitig nicht.

Mich interessiert diese Widersprüchlichkeit: Wie etwas zugleich Lebenselixier und Todesgefahr, spirituelle Macht und Poesie, Farbenspiel und ideologische Behauptung sein kann. Die Landschaft wird zu einem Wesen, das sich wie ein Chamäleon anpasst und zugleich widersetzt – immer in Veränderung, immer auf der Suche.

In Sunville treten Metallvögel auf. Was hat es mit ihnen auf sich?

Fiston Mwanza Mujila Die Metallvögel gehören zu meiner Mythologie – oder sagen wir: zu meiner Weltvorstellung. Ich bin mir sicher, dass es sie gibt, in allen Farben und Größen. Manche sprechen, andere haben seit einem Jahrhundert nicht geschlafen.

Welche Rolle spielt das Lachen in dieser Welt?

Fiston Mwanza Mujila Lachen ist Poesie. Lachen ist das Salz der Welt. Und Lachen ist Widerstand. Es kann von Glück erzählen, von Einsamkeit, Wut oder Verzweiflung. Als Dichter nutze ich all diese Möglichkeiten. Lachen ist in meinen Texten allgegenwärtig. Es lässt sie atmen.

Wann habt ihr das letzte Mal herzhaft gelacht?

Sofia Jernberg Mit Petter Eldhs Ensemble Post Koma in Saalfelden, am 24. August 2024!

Fiston Mwanza Mujila Im Moment lache ich ständig mit Serge Kakudji, dem Countertenor. Wir sind in derselben Provinz aufgewachsen. Wir erzählen uns jeden Tag dieselben Geschichten und lachen wie Maschinen.

Stephanie Thiersch Heute.

    

 

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