Libretto «Sunville»
Figuren
Die Frau mit den langen Zöpfen
Der Boxer im Ruhestand
Die furchtlose Ex-Königin
Der Ex-Mann
Der Jäger
Monsieur und Madame Broccoli
Die Menschenmenge
Der Chor der Überlebenden
Erster Akt: Psalmen gegen das Meer
Erste Szene: Das Meer als Postkartenlandschaft
DIE FRAU MIT DEN LANGEN ZÖPFEN
Das Meer ist ein wildes Tier
Das Meer ist niemals satt
Das Meer hat riesige Zähne
Es zermalmt, frisst die Menschen
und spuckt die Leichen an den Strand
Nachts schwankte das Boot
Man hörte Körper ins Wasser stürzen
Schreie einer Verzweiflung, die zum Fürchten war
DER BOXER IM RUHESTAND
Die Menge weinte auf allen Sprachen
auf Französisch, auf Schwedisch
auf Russisch und Vietnamesisch
auf Deutsch, auf Tschechisch, auf Rumänisch
Eine melodiöse und düstere Kakophonie
für eine Welt, die sich festgefahren hat
ob’s dem Geist der Urahnin passt oder nicht
DER CHOR DER ÜBERLEBENDEN
Das Meer speit Autowracks an Land
Das Meer ist ein ambulanter Friedhof
Das Meer ist eine große Scheiße
Das Meer ist eine Verräterin
Das Meer hat keine Freunde, keine Begleiter
Das Meer gebiert unsre Alpträume
DER CHOR DER ÜBERLEBENDEN
Der Bauch des Meeres ist voll
mit zerbrochenen, blutleeren Träumen
und vollends verlassen vom lieben Gott
DER CHOR DER ÜBERLEBENDEN
Das Meer ist ein Hospiz
Das Meer ist ein Wegelagerer
DER CHOR DER ÜBERLEBENDEN
Das Meer begräbt unsre Geschichten, unser Lachen
Unser Sehnen und unser Streben nach Freiheit
Das Meer ist ein Dämon, ein Kannibale, ein Psychopath
Das Meer ist ein Freiluft-Gefängnis
Das Meer, das Meer, das Meer
DIE FRAU MIT DEN LANGEN ZÖPFEN
Diese Route durchs Mittelmeer ist gefährlich
Diese Route ist scheußlich und bringt Pech
Das Meer zeigte seine Krallen und sein Barbarenmaul
Das Meer massakrierte, das Meer verschlang, das Meer zerstampfte
DER BOXER IM RUHESTAND
Wir tanzten Polka
Wir tranken Bier
Wir lachten
Das Leben war schön
Auf dem Boot
Plötzlich wogte das Meer
Die Leute schrien
Und ich schwamm und schwamm
DER CHOR DER ÜBERLEBENDEN
Das Meer ist eine Rattenfalle
DER BOXER IM RUHESTAND
Alle möglichen Seuchen
befielen das Boot
Syphilis und Tripper
Pest und Ruhr
Vogelgrippe, Skorbut und Krätze
Man warf die Körper
und die Leichen ins Meer
um Ansteckung, schlechte Gerüche, Übelkeit und Gestank zu vermeiden
DIE FRAU MIT DEN LANGEN ZÖPFEN
Der Tod ist ein glückliches Ereignis
Er versöhnt uns mit der Natur
Wir kehren zur Erde zurück
Um zu Erde zu werden
Wie vor uns unsre Väter
Wie vor ihnen die Väter unsrer Väter
DER BOXER IM RUHESTAND
Die einzige Route übers Mittelmeer
Ist ein Archiv verkorkster Träume
Und pharaonischer Pläne
die das Meer begräbt
Erster Akt, Zweite Szene: Requiem für die staatenlosen Toten
DIE FURCHTLOSE EX-KÖNIGIN
(Klagegesang)
Sie kommen aus Europa
Sie kommen aus allen Ländern Amerikas
Aus China, aus Japan und Indonesien
Sie sind schmutzig, krank und elend
Aus ihrem Mund läuft Speichel
Ihre Reise war lang und gefährlich
Ihr Tod eine schaurige und makabre Symphonie
Herr, habe Mitleid mit ihren Seelen
Herr, habe Mitleid mit deinen Kindern
Empfange sie in deinem Reich
Schau nicht auf ihre Gesichter
Achte nicht auf ihre Herkunft,
auf ihre Hautfarbe, ihre Religion
Schau nicht auf ihre Fehler, ihre blutige Geschichte
Vergib ihnen, wenn sie schmutzige Zähne, stinkende Mäuler haben
Zeige Nachsicht, wenn sie von Masern oder Syphilis befallen sind
Öffne, Herr, deinen Kindern und ihren Kindern
die Türen zu deinem Haus
Gebe ihnen reichlich zu trinken und zu essen
Gebe ihnen die ewige Ruhe
Wie es war zu Anbeginn
Erster Akt, Dritte Szene: Dinge und Dinge
DIE FRAU MIT DEN LANGEN ZÖPFEN
Sie ist älter als die Sonne
Diese Frau ist über hundert Jahre
Sie hat keinen Zahn mehr im Mund
Sie verbringt ihr Leben mit den Toten
Und mich übergeht sie
(mich und meinen Wahnsinn)
Sie verachtet, hasst, verleumdet mich
Sie nennt mich beim Namen sämtlicher Vögel
Diese Frau will mir ans Leder
Sie will mich lieber tot als lebendig
DER BOXER IM RUHESTAND
Mich wird sie lieben
Die Königin wird meine Stiefel polieren
Und meine Kleider waschen
Ich bin der schönste Mann der Welt
Ich bin stark wie der Stier
Stolz wie der Pfau, voll Zorn wie der Blitz
Ich bin charmant und gut erzogen
ein Zampano und attraktiv
Sie wird mich lieben, mir zu Füßen liegen
Ich bin der sanfteste Mann der Welt
Ich bin der Höflichste und der Galanteste von allen
Ich weiß, wie man mit Mädchen und mit Pflanzen spricht
(Der Boxer im Ruhestand geht zur Ex-Königin, beginnt, in die Luft zu boxen, als wäre er im Ring. Er will gefallen. Für einige Sekunden reagiert die Furchtlose Ex-Königin nicht)
DIE FURCHTLOSE EX-KÖNIGIN
Ich war eine Königin
Ich bin eine Königin
Eine Königin bleibt eine Königin
Das hat man im Blut
Das ist alles im Kopf
DER BOXER IM RUHESTAND
Ich bin nicht auferstanden
Ich bin noch nicht tot
Ich komme von weither
aus der Republik Südafrika
Meine Reise dauerte ein Jahrzehnt
Ich habe Hunger, ich habe Durst
Gießt mir Reisschnaps in den Mund
Gebt mir was zu futtern
DIE FURCHTLOSE EX-KÖNIGIN
Ich kümmere mich nur um die Toten
Die Lebenden interessieren mich nicht
Sie leben ihr Leben
Was suchst du, Junge?
In diesem verlorenen Königreich
DER BOXER IM RUHESTAND
Ich komme von weither
In meinem Land ist alles unterteilt
Restaurants für Schwarze, Restaurants für Weiße
Bordelle für Schwarze, Bordelle für Weiße
Latrinen für Schwarze, Latrinen für Weiße
Züge für Schwarze, Züge für Weiße
Krankenhäuser für Schwarze, Krankenhäuser für Weiße
Ich bin geflohen, weg aus diesem finsteren Land
Wie vor mir mein Bruder, meine Schwester
Wie vor mir meine Ahnen
DIE FURCHTLOSE EX-KÖNIGIN
(Klagegesang II)
Ich bin kein Boxer
Ich bin kein Schmied
Ich bin kein Soldat
Mein Beruf ist der beste der Welt
Jeden Morgen erfrische ich mich am Regenwasser
Jeden Morgen trage ich ein langes weißes Kleid
Dann geh ich zum Strand
Ich sammele die Leichen und wasche sie
Zuerst wasche ich die Kinder
Dann wasche ich die Männer
Dann wasche ich die Frauen
Ich kleide sie in Weiß,
ich bete für sie und beerdige sie
Eine Kerze für jedes Grab
Manchmal spuckt das Meer tausend Leichen aus
Dann brauche ich Tage und Nächte
Um die Leichen zu waschen und in Weiß zu kleiden
DIE FRAU MIT DEN LANGEN ZÖPFEN
Sie summt ein fröhliches Lied
Wenn sie die Leichen trägt
Sie erzählt den Toten
Schöne Geschichten
Lustige Geschichten, Liebesgeschichten
DER BOXER IM RUHESTAND
Ich bin in Mamelodi geboren
Ich habe immer in Mamelodi gelebt
Das Township der Liebe
Speerspitze gegen die Apartheid
und ihre blutrünstige Bürokratie
Alle meine Kumpel sind im Gefängnis oder schuften in den Minen
Sie kamen
aus Soweto und aus Tembisa
aus Khayelitsha und aus Sebokeng
aus Botshabelo und aus KwaMashu
Ich bin ein Kind aus Mamelodi, Mamelodi, Mamelodi
DIE FURCHLOSE EX-KÖNIGIN
(gesprochener Text)
Haben Sie jemals die Leiche eines toten Kindes gesehen?
Die das Meer an den Strand spuckt
Ich kümmere mich nicht um die Lebenden
Sie leben ihr Leben
Ob’s dem Geist der Urahnin nun passt oder nicht
DIE FRAU MIT DEN LANGEN ZÖPFEN
Das ist nur ein Tropfen Wasser im Ozean
Sie möchte die Stadt sauber halten
Die Spuren der Verschollenen beseitigen
Aber das Meer ist stur und taub für ihre Launen
Das Meer spuckt Leichen aus
und die Papiere, die Plüschtiere, die Hosen
die Musikinstrumente, die Küchengeräte
die Hemden, die Tische, die Schuhe, die Brillen
die Bierflaschen, die Maissäcke, die Benzinkanister
die Regenschirme, die Pelzmäntel, die Fahrräder
die Schlafsäcke, die Bücher, die Zigaretten
Die die Verschollenen bei sich trugen
Zweiter Akt: Einen Fuß in der Vergangenheit
Erste Szene: Zerlumpte Leben
DIE FRAU MIT DEN LANGEN ZÖPFEN
Diese Hexe lügt
DIE FURCHTLOSE EX-KÖNIGIN
Sofia aka Königin Beatriz
Ich heiße Sofia
Ich kam in Äthiopien zur Welt
Dem einzigen nicht-kolonisierten Land Afrikas
Dem Land von Haile Selassie
Seinem Geburtsnamen nach
Tafari Makonnen
Nachfahre der Dynastie
der Königin von Saba und König Salomon
Ich, Sofia Jernberg,
Jernberg wie der sintflutartige Regen
Jernberg am Tag und in der Nacht
Jernberg wie die Gesänge der Metallvögel
Ich bin in Vietnam und Schweden aufgewachsen
Ich habe Jazz und Komposition studiert
dort in Schweden
Ich habe ein Leben jenseits der Bühne
Eine magische, gigantische, dröhnende Vergangenheit
Viele Jahre lang war ich Königin
Damals nannte man mich:
Königin Beatriz Coumba Ngolamino Kazembe Moreira Da Souza Sophia-Madeleine
DER ERZÄHLER
Ich bin Fiston Mwanza Mujila
Ich bin Schriftsteller, Librettist
Ich habe das Licht der Sonne in Katanga erblickt
der Heimat von Kupfer und Uran
Ich möchte euch in aller Kürze von der Thronerhebung der Königin Beatriz Coumba Da Souza aka Sofia erzählen.
Die Thronerhebung der neuen Königin ist ein außergewöhnliches Ereignis. Eine große Tat. Ein farbenfrohes Spektakel, das sich (im Schnitt) alle vierzig, fünfzig Jahre wiederholt. Dem voraus geht die Enthauptung der Königin-Mutter. Denn in einem Reich kann es nicht zwei Königinnen geben.
Im Reich der gestürzten Sonne darf die Königin-Mutter nicht in der Öffentlichkeit lachen oder vor ihren Untertanen essen. Die Königin darf nicht von einer schweren Krankheit befallen werden. Sie muss stets bester Gesundheit sein. Die Königin darf nicht altern. Sie darf nicht taub oder stumm, blind oder auch nur kurzsichtig werden. Ihr Körper muss lotrecht sein wie die Sonne am Mittag. Wenn also die Königin altert und an verschiedenen Pathologien leidet, wird sie von allen besehen, beobachtet und bis in die kleinsten Taten und Gesten ausspioniert; und eines Tages plant man ihren Tod. Man tötet sie, weil eine Königin nicht (krankheitsbedingt) leiden oder irgendeine körperliche Anomalie aufweisen darf. Man enthauptet sie! Man schneidet ihr mit einer Machete den Kopf ab. So geschah es mit der Mutter von Beatriz Coumba Da Souza. Sie wurde alt und litt an Alzheimer. Man beschloss, sie umzubringen. Ein prunkvoller Mord. Schließlich bedeutet der Tod der Königin den Aufstieg in der Welt der Ahnen.
Die Thronerhebung Beatriz’ erfolgte am Tag nach dem Tod ihrer Mutter. Sie lief ab wie alle Thronerhebungen vor ihr. Dieselbe Deko, dieselben Persönlichkeiten, dasselbe Szenario, die gleichen Opfertiere, dieselben Musiker, dieselben Instrumente, dieselbe Sonne, derselbe Bauchtanz.
Zunächst wurde vierzig Mal in die Luft geschossen. Ab dem siebenunddreißigsten Schuss begannen zwölf Jungfrauen, die künftige Königin in Gewänder aus Perlen, Muscheln und Diamanten zu kleiden. Dann tätowierten sie ihre Hände und ihr Gesicht mit den Totemtieren des wichtigsten Vorfahren – Schlange, Ziege und Büffel.
Die Sonne machte sich davon, die Königin begab sich auf ihren Rundgang durch die Stadt. Bei jedem Halt opferte man eine Ziege, zwei weiße Hühner und eine Schlange, bis sie jede der fünfundzwanzig Stationen besucht hatte. Nachts, als sie in ihren Palast zurückkehrte, schlugen zweihundertfünfundzwanzig Trommler männlichen und weiblichen Geschlechts (manche von ihnen achtzigjährig), die besten Schlagzeuger und Perkussionisten des ganzen Königreichs, in einer euphorischen, wahnsinnigen Stimmung die Instrumente (mit erbarmungsloser Energie). Sie spielten (und sangen), als wären sie von den Flussgeistern besessen. Sie spielten bis zum Morgengrauen. Während der Wald in Flammen aufging und die Metallvögel in Sechserpaaren gen Süden flogen, schnitten die zwölf Jungfrauen das Haar der neuen Königin, die mit träger Stimme den Gesang der Thronerhebung anstimmte.
DIE FURCHTLOSE EX-KÖNIGIN
(gesprochener Text)
Ich bin jung
Ich bin die neue Königin
Ich werde über die Menschen und die Tiere herrschen
Ich werde die Pflanzen und den Blitz beherrschen
Ich werde den Regen und die Sonne einsperren
Ich werde die Metallvögel zähmen
Selbst wenn ich eines Tages
Erwachsen werde
Selbst wenn mir eines Tages
wie meiner Mutter
wie ihrer Großmutter
Die zwölf Jungfrauen mit der Machete
den Kopf abschneiden
DER ERZÄHLER
Nach der Thronerhebung nahm die neue Königin den Beinamen Königin-Mutter an, selbst wenn sie keinen Nachwuchs hatte. Man liebte sie, man verehrte sie, man sang Psalmen auf sie, man preiste ihre Stärken, ihre Intelligenz, ihre Schönheit. Sie war Gegenstand aller Unterhaltungen. Man gab ihr neue Namen: Sonne, Königin, Königin-Mutter, Tochter der Königin-Mutter, Lieblingstochter der Königin-Mutter, ewiger Fluss, dichter Wald, Oase, Quelle der Weisheit.
Ja, die Königin besitzt alle Privilegien. Sie gehört uns. Wir gehören ihr. Sie lenkt alles. Sie bestimmt alles. Sie führt Männer, Frauen, Meerestiere und Metallvögel. Wir sind ihre Sklaven. Alle Kinder, die geboren werden, gehören der Königin-Mutter. Deshalb lautet eine Lebensweisheit: «Die Königin hat fünftausend Kinder.» Und man pflegt zu sagen: «Der Bauch der Königin ist ein tiefer Wald.» Aber sobald die Königin-Mutter ein gewisses Alter erreicht, beginnt man, sie zu beobachten, zu beleidigen, zu verachten und zu meiden, sie für eine Hexe zu halten, sie als Schlampe, Flittchen und Hure zu beschimpfen. Und dann tötet man sie. Man schneidet ihr den Kopf ab. Man schneidet den Kopf der Königin-Mutter ab. Und man wirft den Kopf der Königin-Mutter in den Fluss, damit der Fluss die Sonne befreit und für die Fruchtbarkeit von Pflanzen und Regen sorgt.
DIE FURCHTLOSE EX-KÖNIGIN
Alles vergeht
Die Flüsse versiegen
Die Pflanzen vertrocknen
Den Vulkanen geht die Puste aus
Als ich alt wurde
Und Alzheimer bekam
Nahm ich die Route übers Mittelmeer
Und floh aus meinem Reich
Anstatt mir von den zwölf Jungfrauen
Den Kopf abschneiden zu lassen
Zweiter Akt, Zweite Szene: Jagdszene in einem tropischen Buschland
Eine Reihe Wellen. Ein dumpfes Geräusch. Ein Schiffswrack. Ein Mann (mit einem Gewehr und einem Leopardenmantel) wird vom Meer ausgespuckt.
DER JÄGER
(gesprochener Text)
Wir waren Millionen
Wir suchten wildreiche Gegenden
Welch Unglück!
Hier auf dieser maroden Insel
gestrandet zu sein
DER JÄGER
(Jagdgesang)
Mein Großvater und ich
Gingen mit geschwellter Brust
Nach Afrika
Im Busch, im Dschungel
jagten wir Elefanten
Nashörner und Vögel
Wir schossen scharf
auf Büffel
Nichts ist schöner
als die Jagd in Afrika
Zweiter Akt, Dritte Szene: Eine Zeit der Pathologien und Verwünschungen
DER BOXER IM RUHESTAND
(Minengesang)
Morgens gingen wir in die Mine
Erst abends kamen wir aus dem Bauch der Erde
Mit schlammigen Händen
Mit verkümmerten Augen
Mit staubigem Haar
Ob’s dem Geist der Urahnin passt oder nicht
Wir gruben mit Wut
Wir gruben nach Kupfer und Kobalt
Wir gruben nach Gold und Uran
Wir gruben nach Zinn und Malachit
Wir gruben nach Zink und Eisen
Wir gruben nach Bauxit und Mangan
DER CHOR DER ÜBERLEBENDEN
Wir schliefen nicht
Wir badeten nicht
Wir gruben und gruben
Bis wir es mit unsrem Rückgrat bezahlten
Wie unsre Väter, unsre Mütter
Die dienstbaren Geister
schon vor der Geburt der Welt
DIE FRAU MIT DEN LANGEN ZÖPFEN
(Brautgesang)
Fünfzehn Mal habe ich geheiratet
Fünfzehn Mal wurde ich geschieden
Ich kenne alle Sorten Männer
Eifersüchtige und Alkoholiker
Untreue und Mythomanen
Gewalttätige und Launische
Die, die lügen wie gedruckt
Fünfzehn Mal habe ich geheiratet
Fünfzehn Mal habe ich meine Männer verlassen
Die Alkoholiker, die Mythomanen
Die Chaoten, die Spötter
DER BOXER IM RUHESTAND
(Biographie der Frau mit den langen Zöpfen)
Ihre letzte Hochzeit war die schönste, die größte
Es kamen unzählige Gäste
Mit den verschiedensten Geschenken
Säcke voll Salz, Flaschen voll Wein
Muscheln, Gewürze aus Sansibar
Perlen und Sonnenblumenkerne
Pelzmäntel und Regenschirme
Die Leute tanzten bis zum Morgengrauen
Rumba und Walzer
Polka Piquée und Bolero
Ihre letzte Hochzeit war die schönste, die großartigste
DER EX-MANN
(Eine Reihe Wellen. Ein dumpfes Geräusch. Ein Schiffswrack. Ein Mann erscheint, völlig durchnässt. Das Meer spuckt ihn aus.)
Wir suchten Zion
Seit Tausenden von Jahren
Hier sind wir gelandet
Welch Unglück
dieses Paradies ohne Treibstoff
DER JÄGER
(ausgestattet mit einem Leopardenfell und einem Büffelhorn)
(Jagdgesang)
Seit meiner frühsten Jugend
Liebe ich Afrika und seine Menschen
Die Flüsse Afrikas sind meine Leidenschaft
Die Wälder Afrikas blenden meine Seele
Die Sprachen Afrikas sind melodisch
Die Speisen Afrikas sind schmackhaft
Ich kenne Afrika wie meine Westentasche
Zweiter Akt, Vierte Szene: Die Frau mit den langen Zöpfen
Die Frau mit den langen Zöpfen wäscht ihre Kleider. Sie entzündet ein Feuer. Einen Großbrand. Sie verbrennt ein Autowrack. Sie ist dünn wie ein Stock. Sie isst nichts. Doch, sie isst. Sie ernährt sich von Rauch. Das Meer ist ruhig. Es hat seit zwei Tagen keine Leiche mehr ausgespuckt. Nur einen beträchtlichen Haufen Müll: Fahrradrahmen, Töpfe, Flaschen, Gläser, Eisenbetten, Küchentische, Matratzen, Bäume, Plastikbecher, Altkleider, Spielwaren, Schuhe, Leuchter, Ventilatoren, Schiffswracks, Autowracks, Koffer, Kabel, Reifen…
DER BOXER IM RUHESTAND
Im Exil hat sie alles erlebt
Zuckerrohrplantagen
die Plackerei in den Kupferminen
Reisen in Güterzügen
Geschlechtskrankheiten
Ihr Leben ist ein langer, wilder Fluss
Aber immer wenn sie stirbt
kehrt sie ins Leben zurück
DER JÄGER
Europa langweilt mich
Alle Tiere sind im Zoo
Man kann sie nicht töten
Hier ist alles langweilig
Es gibt keine Giraffen, keine Elefanten
Noch nicht mal verdammte Antilopen
Ich will jagen, ich will jagen
Wo sind die Giraffen?
Zweiter Akt, Fünfte Szene: Haarausfall bringt Glück
DIE FRAU MIT DEN LANGEN ZÖPFEN und DER BOXER IM RUHESTAND
Wir haben Malaria überlebt
Wir haben die Vogelgrippe überlebt
Wir haben die Schlafkrankheit überlebt
Wir haben Gonorrhoe und Ruhr überlebt
Wir haben Pest und Cholera überlebt
Wir haben Skorbut überlebt
Wir haben die Windpocken überlebt
Wir haben die Masern überlebt, die Hungersnot
die Sonne, die Hitze und die Launen der Überschwemmungen
Wir haben die Antipersonenminen überlebt
Wir haben das Meer und den Fluch des Meeres überlebt
Wir haben die Erdrutsche überlebt
Wir haben die Kastration und den Fenstersturz der Sonne überlebt
Wir haben die Krätze überlebt
Wir haben die Razzien überlebt
DER BOXER IM RUHESTAND
Der Friedhof wurde abgerissen
DER EX-MANN
Die Bäckereien durch Bordelle ersetzt
Die Schulen durch Fabriken ersetzt
Die Apotheken in Kneipen umgewandelt
Und große Maschinen gruben alles um
DIE FRAU MIT DEN LANGEN ZÖPFEN
Der Himmel gebar tote Babys
und die Metallvögel verkündeten das Exil der Königin
DER BOXER IM RUHESTAND
Wir haben uns nicht vom Regen täuschen lassen
Wir haben gelacht und den Blitz verhöhnt
DER EX-MANN
Schneide dir nicht die Haare
Sie sind ein Strom, sie sind ein Fluss
Deine Haare erzählen aus tausend Jahren
Deine Haare sind die Chronik deiner Ahnen
DER JÄGER
Der reinste Müllhaufen hier
Kein warmes Wasser
Keine Zigarren, kein Champagner
DER EX-MANN
Die Haare unserer Ahnen
jahrhundertelang geschnitten
DER BOXER IM RUHESTAND
Schneide dir nicht das Haar
Es fasziniert uns, es schenkt uns Frieden
Dein Haar bringt uns Freude
Dein Haar bringt uns Sonne
DER JÄGER
Wo sind die Giraffen?
Wo sind die Krokodile?
Afrika und seine Menschen fehlen mir
DER EX-MANN
Verkaufe nicht dein Haar
Schneide nicht dein Haar
DER BOXER IM RUHESTAND
Verkaufe nicht dein Haar
Schneide nicht dein Haar
DER EX-MANN
Verkaufe nicht dein Haar
Schneide nicht dein Haar
DIE MENSCHENMENGE
Deine Haare sind eine Geografie der Freude
Deine Haare machen uns froh
Verkaufe nicht dein Haar
Schneide nicht dein Haar
DIE FRAU MIT DEN LANGEN ZÖPFEN
(Sie schneidet sich die Haare)
Meine Tiere sind tot
Meine Freunde sind im Meer verschollen
Es ist jetzt Zeit zu weinen
Um unsre Leute zu trauern
(In andächtiger Stille legt sie ihre Kleidung Stück für Stück ab, bevor sie sich neue Kleidung anzieht. Dann bricht sie in lautes Lachen aus, zunächst ein satanisches Lachen, dann ein regnerisches, fröhliches und flammendes Lachen.)
Dritter Akt
Erste Szene: Der Erzähler erzählt von der Ankunft Unbekannter
(gesprochener Text)
In dieser maroden Welt
Ohne Glaube und Gesetz
Wo Mikroben (groß wie Eier) alles beherrschen
Wo der Gestank toter Tiere und Leichen wetteifert mit der Luftverschmutzung und dem Qualm der Schrottkarren
Will die Frau mit den langen Zöpfen nur immerzu Autos und Schiffswracks anzünden, niederbrennen, abfackeln
Der Anblick von Rauch und sich in Rauch auflösender Karren hält sie am Leben
Der Anblick von verkohlten Wracks bringt sie zum Lächeln
Sie isst nichts.
Sie trinkt nichts.
Sie nährt ihren Körper nicht
(schon weil sie keinen Körper hat)
Ihre Nahrung ist der (erfreuliche) Anblick von Rauch
In dieser maroden Welt
In dieser gezeichneten Welt
Wo Krankheiten eine ganz neue Wendung nehmen
Wo der Mond kaputte Zähne hat
Und die Sonne ein Rückgrat aus Aluminium
In dieser verdorbenen, verfluchten, lärmenden Welt ohne Treibstoff
Erscheint ein Paar
Im Regenbogendress
Der Regenbogen (Mwanza Kongolo)
Der Regenbogen, der den Regen und seine zynische Politik der Überschwemmung beendet
Der Regenbogen als Vereinigung beider Schlangen (der männlichen Schlange, Mwanza Kongolo, und der weiblichen Schlange, Mwanza Nkangi)
Der Regenbogen, der die Flusstiere und Metallvögel besticht
Das maritime Paar landet ganz adrett
Alle betrachten es voller Neid, Liebe oder sanfter Wut
Sogar die Frau mit den langen Zöpfen (die sich doch für nichts interessiert)
ist begeistert und hört auf, den Triebkopf einer Lokomotive oder die Kleider der Toten zu verbrennen
Sie lacht, zieht eine Grimasse oder furzt
Es ist vielleicht das erste Mal seit ihrer Kindheit, dass sie Gefühle empfindet
Wird die Königin-Mutter sich verstecken?
Wird sie ihre Medikamente gegen den Wahnsinn nehmen? Schämt sie sich?
Oder interessiert sie sich nicht für ein Gespräch mit diesen Fremden, deren Outfit in allen Farben des Waldes leuchtet?
Fühlt sie sich zum ersten Mal schlecht gekleidet?
Der Boxer im Ruhestand boxt in die Luft, um seine Irritation zu überspielen
Der Chor der Überlebenden dämpft sein Jammern und Klagen.
DIE FRAU MIT DEN LANGEN ZÖPFEN
Ich verbrenne Wracks
Um mich zu entspannen
Und mit der Vergangenheit abzuschließen
Der Qualm befreit mich
Von meinen Dämonen
Von meinen alkoholkranken Männern
Von meiner gezackten Vergangenheit
DER BOXER IM RUHESTAND
(gesprochener Text)
Das Paar defiliert in schönen Kleidern
(Haben sie auch schöne Erinnerungen? Oder wie wir bloß Erinnerungen aus Karton?)
Sie stoppen in der Mitte der Insel,
organisieren oder improvisieren eine Modenschau
Sie öffnen ihre Koffer
Sie präsentieren neue Outfits
Sie laufen fünf Minuten
Sie wechseln die Outfits
Sie laufen fünf Minuten
Und diese Schau der Kranken (und Alkoholiker) dauert bis in den frühen Morgen.
DER JÄGER
Ich liebe Afrika und seine Menschen
Ich liebe die Nashornjagd in Afrika
Oh Afrika, oh Afrika
Dritter Akt, Zweite Szene: Öffentlicher Aufschrei
Die Menschenmenge (Der Boxer im Ruhestand, Der Jäger, Der Ex-Mann der Frau mit den langen Zöpfen) kommentiert. Die Königin ist nicht anwesend. Wäscht sie die Leichen, die das Meer ausgespuckt hat?
DIE MENSCHENMENGE
(gesprochener Text)
Schaut diese Leute an
Sie treiben dämonische Spiele
Die Frau heißt Madame Broccoli
Der Mann ist Monsieur Broccoli
Sie sind eingebildet
Sie sind Landbesitzer
Haben sie je Metallvögel gesehen?
Oder Gras gefressen
Es ist abscheulich
Es ist grotesk
Es ist überflüssig
Es ist schaurig
Es ist bestialisch
Dritter Akt, Dritte Szene: Erotische Landschaft und Liebesspiele mit Handschellen
(Madame Broccoli kettet Monsieur Broccoli mit Handschellen an ein Eisenbett oder ein Wrackteil (einen Schiffspropeller oder einen Zugmotor). Madame Broccoli hält eine Peitsche. Auf der Insel ist alles ein Wrackteil. Die Stühle, die Hütten, die Erinnerungen, die Sonne, die Pflanzen.)
MONSIEUR BROCCOLI
Die Liebe ist seltsam
Man liebt sich wie wahnsinnig
Man flippt aus für den anderen
Morbide Leidenschaft, unkontrolliertes Begehren
Oh, Madame Broccoli
Ich liebe Sie
MADAME BROCCOLI
Mein Pferd, mein liebstes Tier
galoppieren Sie durch die Prärie meiner Gefühle
Kommen Sie zu mir
Auf der unbestimmten Küste der Ekstase
MONSIEUR BROCCOLI
Madame Broccoli
Ich folge Ihnen wohin immer Sie gehen
Ich und meine Seele in Not
Fesseln Sie mich
Zähmen Sie mich
MADAME BROCCOLI
Mein Meerestier
Schwimmen Sie im Wasser meiner unendlichen Zärtlichkeit
Kommen Sie zu mir ins Paradies
der Pflanzen und Tiere
MONSIEUR BROCCOLI
Die Liebe ist ein perverses Spiel
Man gratuliert sich mit Worten
Gratulieren Sie mir
MADAME BROCCOLI
Mein Pferd, mein Schakal
Mein Nashorn, mein Eisbär
Mein Wildschwein, mein Dino
Meine Palme, mein Fluss
Ich begehre Sie wie wahnsinnig
MONSIEUR BROCCOLI
Oh, Madame Broccoli
MADAME BROCCOLI
Oh, Monsieur Broccoli
Dritter Akt, Vierte Szene: Anrufung der Königin
Die Königin isst in ihrer Hütte
Die anderen sind im Freien
Die Königin darf in der Öffentlichkeit weder essen, noch lachen, noch trinken
Sie ist das Geschöpf von Mvidi Mukulu Wa Tshiame
Mvidi Wa Bende
DIE FRAU MIT DEN LANGEN ZÖPFEN
Sie verhöhnen uns
In ihren Augen
haben wir keine Würde
DER JÄGER und DER BOXER IM RUHESTAND
Monsieur und Madame Broccoli machen sich über uns lustig
Monsieur und Madame Broccoli verspotten uns
Nennen uns Dreckskerle und Nichtsnutze
DIE FRAU MIT DEN LANGEN ZÖPFEN
Schmutzige Worte, Worte ohne Bedeutung
DER BOXER IM RUHESTAND
Wir waren dreckig und glücklich
Seit sie angekommen sind
Nur Pest und Cholera
DER EX-MANN
Sie behaupten, ich sei kein treuer Ehemann
DIE FURCHTLOSE EX-KÖNIGIN
Ich kümmere mich nicht um solche Lappalien
DER BOXER IM RUHESTAND
Über dich sagen sie dasselbe
DER EX-MANN
Dich nennen sie Flittchen
DER BOXER IM RUHESTAND
Monsieur und Madame Broccoli verabscheuen euch
Monsieur und Madame Broccoli verspotten euch
DIE FRAU MIT DEN LANGEN ZÖPFEN
Wenn ihr eure Ehre nicht retten könnt
Rettet die Ehre eurer Familie
DER CHOR DER ÜBERLEBENDEN
Sie schwadronieren von morgens bis morgens
Sie ist gar keine Königin
Sie ist eine gefallene Mythomanin, eine erleuchtete Neurotikerin
Oh, unsere Königin, lasst euch nicht lächerlich machen
Zeigt diesen Leuten eure Pracht
Sie brauchen Liebe
Gebt ihnen Liebe
Dann lassen sie uns in Frieden
MADAME UND MONSIEUR BROCCOLI
Diese Leute haben ein kaputtes Leben
Sie leben in der Vergangenheit
Sie geben sich mit ranzigen Erinnerungen zufrieden
Wir waren dies
Wir waren das
Wir waren Prinzen
Wir besaßen riesige Reiche
Kupfer und Liebe
Mvidi Mukulu, deine Kinder grübeln auf dem Müllhaufen der Geschichte
MONSIEUR BROCCOLI
Kann ich doch nichts dafür
Wenn sie aus ihrem Reich flieht
MADAME BROCCOLI
Kann ich doch nichts dafür
Wenn sie ihr Reich aufgibt
MONSIEUR BROCCOLI
Ihre Herrschaft, die reinste Diktatur
MADAME BROCCOLI
Das Vieh verendete
Die Menschen schufteten
Die Metallvögel migrierten
Dritter Akt, Fünfte Szene: Der Verkauf der Insel und die Suche nach neuen Sklaven
MONSIEUR BROCCOLI
Wir wollen die Insel kaufen
MADAME BROCCOLI
Wir haben Geld
MONSIEUR BROCCOLI
Viel Geld
MADAME BROCCOLI
Wir wollen auf dieser Insel bauen
MONSIEUR BROCCOLI
Fabriken, Werke, Plantagen
MADAME BROCCOLI
Wir suchen
MONSIEUR BROCCOLI
Wir suchen
MADAME BROCCOLI
Starke Männer und starke Frauen
MONSIEUR BROCCOLI und MADAME BROCCOLI
Um für uns nach Diamanten
und Bauxit zu graben
Wir suchen Sklaven
Für die Arbeit in der Mine
Und auf der Plantage
Dritter Akt, Sechste Szene: Die große Umwälzung
DIE KÖNIGIN
(gesprochener Text)
Wir werden hier nicht die Atombombe erfinden
Es lohnt sich nicht, weiter zu morden
weitere Städte zu zerstören
Wir gehen nicht ins Exil
Wir werden keine Satelliten oder Raketen auf den Mond oder Planet Neptun schießen
Wir werden hier stehenbleiben
Und zwei, drei Worte mit der Sonne wechseln
Sonne: steh auf, damit wir uns setzen können
Sonne: lass uns in Frieden
Sonne: stürze dich aus unseren Hoffnungen
Sonne: vereitele unsere Exzesse
Sonne: das Meer spuckt Leichen aus; lege uns keine Steine in den Weg;
lass uns das Lebens verzaubern!
Die furchtlose Ex-Königin sammelt Müll ein. Die anderen tun es ihr nach. Sie beginnen, eine Architektur zu errichten.
DIE MENSCHENMENGE
(Arbeitsgesang, Hoffnungsgesang)
Das Chaos ist bloß eine Erkältung
Die Kraft steckt in der Arbeit
Wir sind überglücklich
Wieder die Hacke zu schwingen
Am Tag zu graben
In der Nacht zu graben
Nichts wird uns aufhalten
Weder Hunger, noch Alkohol
DIE FRAU MIT DEN LANGEN ZÖPFEN
Ohne Porzellan
Ohne Kupfer und Diamanten
Machen wir aus diesem Chaos
ein sonniges Paradies
Im Schweiße unseres Angesichts
bauen wir eine Stadt
DER BOXER IM RUHESTAND
(gesprochener Text)
Eine Republik
Die Republik der Freude!
Epilog: Kollektives Lachen anstatt einer Befreiung
DIE FRAU MIT DEN LANGEN ZÖPFEN und DIE FURCHTLOSE KÖNIGIN
(gesprochener Text, gesungener Text)
Lachen ist ein Plädoyer gegen Dummheit und albernen Dogmatismus. Lachen ist ein Grundnahrungsmittel. Lachen ist der Fluss, der die Dörfer versorgt. Lachen ist die Oase in der Wüste. Lachen ist, was uns nach Syphilis und Sonnenfinsternis, nach Großbrand und Katastrophe, nach Schiffbruch und Exil bleibt. Wir wurden aus dem Himmel (vom Gipfel) gestürzt, aber das Lachen geben wir nicht her. Es ist das einzige, was wir nach der großen Verbannung noch in der Hand haben. Lachen, ja, Lachen ist unsere letzte Rettung. Lachen statt Erlösung. Lachen, um das Chaos und die Verwahrlosung unseres Größenwahns auszugleichen. Lachen als Gegengift. Lachen als ABC der Freude und der kriminellen Energie – die glückliche Kriminalität, um die Ignoranz und die Hierarchisierung der Völker auszubremsen. Lachen ist unser Fallschirm. Lachen ist unser Portemonnaie. Lachen ist unsere Standarte. Lachen ist unser Glücksbringer, unser Elixier und unsere Liebe zu ewigem Genuss. Lachen als Gipfel der Sorglosigkeit und des Ungehorsams. Lachen, der Königsweg zum Glück und zur Subjektivität des Verstandes. Ja, uns bleiben noch hundert Jahre, zweihundert Jahre, vier Jahrhunderte sogar, um zu lachen und zu lachen, bis das Rückgrat bricht. Lachen, um nach den Bombardierungen die Risse in der Hoffnung zu stopfen. Lachen als Poesie. Lachen als heiliges Amt. Lachen als Religion des Lebens und der Fürsorglichkeit. Lachen als Resilienz. Lachen, um die Schlaflosigkeit lahmzulegen und (ein für alle Mal) die Verzweiflung zu besiegen. Wir lassen uns nicht vom Müßiggang der Tage ohne Treibstoff austrocknen. Wir lassen uns die Pest der Fremdbestimmung nicht einimpfen. Wir lassen uns nicht auf Holzpfählen kreuzigen. Wir lassen uns nicht kaputtmachen, zerstören, zerstückeln und gefangennehmen von grundsätzlicher Reue und Schuldgefühlen. Wir brauchen Unverfrorenheit gegen die Dummheit, und das Lachen ist die ungeschliffene Poesie und das Trojanische Pferd dieser mageren Jahre. Lachen und Lachen als Allheilmittel gegen die Phobie und die Xenophobie. Wir rufen das Jahr des Lachens für tausend Jahre aus. Wir lachen gegen die Schlaflosigkeit und die Schlafkrankheit. Wir lachen gegen Racial Profiling. Wir lachen gegen Abschiebung und Bevölkerungsrückgang. Wir lachen gegen Verbrechen und Polizeigewalt. Wir lachen gegen Gewalt gegen Tiere. Wir lachen gegen Hungersnot und Preissteigerung. Wir lachen gegen Razzien. Wir lachen gegen Versklavung. Wir lachen gegen Kolonisierung. Wir lachen gegen die Korruption und die Arroganz der Macht, gegen Assimilierung und Starrheit im Denken. Wir lachen gegen die von Mikroben durchdrungenen Diktaturen. Wir lachen gegen den Imperialismus und seine Erzeugnisse. Wir lachen gegen Genozide und ihre Architekten. Wir lachen gegen Kriege und Kriegstreiber. Wir lachen gegen die Morde an Lumumba und Steve Biko. Lachen als Erinnerung und Relikt der Königin Pokou, des Propheten Simon Kimbangu und Kimpa Vita. Wir lachen gegen die Haft von Mandela. Wir lachen gegen die Ausbeutung und Plünderung menschlicher und natürlicher Ressourcen. Wir lachen gegen Kolonialsoldaten. Wir lachen gegen die Aufteilung der Welt. Wir lachen und lachen gegen Nazimus, Islamophobie, Antisemitismus und Hass auf Schwarze. Wir lachen gegen die Banalisierung des Bösen und seine Institutionalisierung. Wir lachen und unser Lachen verkündet ein besseres Morgen.
(Das Meer spuckt Schiffswracks und weitere Leichen aus)