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In memoriam Matthias Kaul

29. Januar 1949 – 1. Juli 2020

Eine Frau, ein Mann und vier Koffer, ein altmodischer brauner Schrankkoffer und drei moderne Hartschalen-Modelle in Pink, das Ganze in einer Stunde in einen Kleinbus verladen und wieder aufgebaut: Mit KUCKUCK IM KOFFER wurden Kitas in Berlin und Brandenburg in Musiktheaterbühnen verwandelt und wurde für Kinder zwischen drei und sechs Jahren – ebenso wie für Erwachsene – mit alltäglichsten Dingen eine von nüchtern-hintergründiger Magie durchwirkte Welt erschaffen, von der aus sich neue und überraschende Perspektiven für das Sehen und Hören von Welt eröffnet haben.

Matthias Kaul erschuf im Sommer 2015 zusammen mit der Regisseurin Maria-Magdalena Kwaschik dieses mobile Musiktheater, das in vier Jahren in 151 Vorstellungen gespielt wurde und mit dem er der wohl meistgespielte zeitgenössische Komponist der Deutschen Oper Berlin der vergangenen Jahre ist. Er erschuf ein Stück von gut einer halben Stunde Spieldauer, war aber auch Erfinder und Konstrukteur jener Koffer, die Bühnenbild, Requisit und Wunderkammer waren, die sich mit wenigen Handgriffen in Instrumente wie etwa einen Kontrabass oder eine Trommel verwandeln konnten und in denen sich ein Fundus vermeintlich alltäglicher Gegenstände verbarg, die sich im Spiel als Instrumentarium mit außergewöhnlichen Klangeigenschaften erwiesen.

Getrieben wurde Matthias Kaul hierbei von einer unerschöpflichen Neugier und Begeisterung für Klänge und die Möglichkeiten ihrer Erzeugung und Kombination, die sich mit einer beharrlichen Akribie und Genauigkeit verband. So interessierten ihn nicht nur die Klänge, die man mit jeder beliebigen elektrischen Zahnbürste erzeugen konnte, sondern eben auch die spezifischen Klangeigenschaften verschiedener Modelle und Bauweisen. Es war eben genau jenes Produkt eines chinesischen Internethändlers, das wegen seiner spezifischen Klangeigenschaften als Instrument beim KUCKUCK zum Einsatz kam – und das sich bei fortschreitendem Materialverschleiß in der Theaterpraxis ebenso als Herausforderung erwies wie die ebenfalls aus Fernost stammende, Titel gebende gelbe Plastik-Kuckucksuhr. Doch gelang es Matthias Kaul eben auch, mit der vorgelebten Ernsthaftigkeit seines Tuns ebenso wie mit seiner Begeisterungsfähigkeit und seinem Humor mitzureißen und zu überzeugen und so auch in der Zusammenarbeit von der Notwendigkeit eines genaueren, erneuten, insistierenden Hörens – und den daraus folgenden Konsequenzen für die gemeinsame Arbeit – zu überzeugen.

Matthias Kaul wurde in Hamburg geboren und spielte nach einer Kindheit als „extrem aktiver Hörer“ zunächst autodidaktisch als Schlagzeuger in Rock-, Pop- und Unterhaltungsbands und spielte Jazz und Freejazz, bevor er mit Anfang 20 eine akademische Ausbildung begann, Noten lernte, Theorie- und Klavierunterricht erhielt und zunächst am Hamburger Konservatorium und später an der Hamburger Musikhochschule Schlagzeug studierte. Er war Mitglied des Hamburger Interpreten- und Komponistenkollektivs „Hinz und Kunst“ und begann als Interpret Neue Musik zu spielen. Längere Studienreisen führten ihn nach Afrika zu den Maasai und Samburu, wobei erst Jahre später Einflüsse dieser Reisen Eingang in sein musikalisches Werk fanden. Er gründete 1983 zusammen mit seiner Frau, der Flötistin Astrid Schmeling, und dem Gitarristen Michael Schröder zusammen das Ensemble L’ART POUR L’ART, das sich in verschiedenen, das Trio erweiternden Besetzungen bald zu einem führenden Ensemble innerhalb der Neuen Musik entwickelte.  Als Solist wie mit L’ART POUR L’ART brachte Matthias Kaul mehrere hundert Werke zur Uraufführung, darunter Kompositionen von John Zorn, David Moss, Elliott Sharp, Carla Bley, Malcolm Goldstein, Mauricio Kagel, Hans Werner Henze, Vinko Globokar, Hans-Joachim Hespos und Alvin Lucier und war in ganz Europa, Nord- und Südamerika, Afrika, Japan, Korea, Taiwan, Indien und Kanada auf Tour.

Zugleich verlagerte sich das Arbeits- und Lebenszentrum von Matthias Kaul und Astrid Schmeling von Hamburg in das am Nordrand der Lüneburger Heide gelegene Winden an der Luhe. Hier fanden sie im ehemaligen Forsthaus Habichtshorst einen Ort, der Wohnhaus wie Probenraum für das Ensemble, Magazin von Kauls ständig wachsender Instrumentensammlung, Veranstaltungsort der ensembleeigenen Konzertreihe und Raum für Künstlerresidenzen war. Wo aber auch 1999 Schmeling und Kaul gemeinsam die inzwischen mehrfach preisgekrönte Kompositionsklasse L’ART POUR L‘ART gründeten.

Die Erfahrung mit der Interpretation neuer Werke sowie insbesondere die Zusammenarbeit mit dem Komponisten und Improvisator Malcolm Goldstein waren Impuls für Kaul ab den späten 90er Jahren sich verstärkt dem eigenen Komponieren zu widmen. Seither entstanden über 100 Kompositionen für Kammermusik-Besetzungen und Chöre ebenso wie Hörspiele, Installationen, Improvisationskonzepte sowie Stücke für das Musiktheater. Geprägt war sein musikalisches Denken dabei von einem genauen Hineinhören in das klangliche Potenzial von klassischem Instrumentarium wie Alltagsgegenständen, von der Auseinandersetzung mit einer nicht-akademischen, amerikanischen Avantgarde denn mit Traditionen der mitteleuropäischen Neuen Musik und einer stets präsenten Rückkoppelung der Neuen Musik an eine erlebte Alltagsrealität. Hinzu kam ein ungebremster „Basteltrieb“ im Erforschen und Erbauen neuer Klangerzeuger – zu seinen wichtigsten Erfindungen und Entdeckungen hat er eine überaus sehens- und hörenswerte Serie von Lehrvideos auf Youtube veröffentlicht – sowie immer wieder auch die Arbeit mit szenischen Elementen. So in seinem Solo-Musiktheater ELECTRIC BATH für einen badenden Schlagzeuger, in RELAX für Sängerin, Schauspieler, zwei Ringer, drei Musiker, Rattenfallen und Tontopfpressen, seiner an der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführten Kinderoper OLIVER TWIST oder auch in seinem letzten Werk, dem sich mit der klanglichen wie symbolischen Mehrdeutigkeit des Duschens und des tropfenden Wassers auseinandersetzenden Musiktheaters SHOWER, das im März 2020 in Hannover, am Vorabend des Corona-Lockdowns uraufgeführt wurde.

Matthias Kaul starb am 1. Juli 2020 im Alter von 71 Jahren.