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Annika Schlicht: Mein Seelenort … Das Museum

Die Mezzosopranistin Annika Schlicht singt Fricka in Wagners DAS RHEINGOLD. Bei alten Kunstwerken sucht sie Zugang zu ihren Rollen – und findet Figuren von zeitloser Gültigkeit

Das Rheingold
Der Vorabend des Bühnenfestspiels für drei Tage und einen Vorabend
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Inszenierung: Stefan Herheim
Mit Derek Welton, Joel Allison, Attilio Glaser, Thomas Blondelle, Markus Brück, Ya-Chung Huang, Andrew Harris, Tobias Kehrer, Annika Schlicht, Judit Kutasi u. a.
Ab 22. Oktober 2021

Mein Seelenort sind Museen. Egal wo ich bin auf der Welt – immer besuche ich Gemäldegalerien, Sammlungen, zeitgenössische Ausstellungen. Seit einem Jahr ist das nur noch sehr eingeschränkt möglich und ich bin völlig ausgehungert. Sobald in Berlin Besuche wieder möglich waren, habe ich mir Tickets reserviert und war in einer Woche in vier Häusern. Museen sind Orte der Ruhe, hier kann ich abschalten. Gleichzeitig sind sie Orte der Inspiration, die ich gezielt zum Recherchieren für meine Rollen benutze, an denen ich mich in meine Figuren hineinfühle.

Als ich 2019 die Fenena in Verdis NABUCCO gesungen habe, besuchte ich oft das Pergamonmuseum. Ich stand immer wieder vor dem Ischtar-Tor und habe fast körperlich gefühlt, wie es ist, als Fenena fünfhundert Jahre vor Christi Geburt über die babylonische Prozessionsstraße zu laufen. Gerade studiere ich den Vaterländischen Saal im Neuen Museum in Berlin. Ich kenne diesen Ort, seit ich 2009 für mein Studium an der Hanns-Eisler-Hochschule nach Berlin kam. Seit ich an Wagners RING DES NIBELUNGEN arbeite, hat er für mich eine neue Bedeutung: Der Vaterländische Fries zeigt die Figuren und Geschichten der nordischen »Edda«, einer altisländischen Sagensammlung aus dem 13. Jahrhundert. Auf die »Edda« bezog sich Wagner in seinem RING – und ich singe im Zyklus die Fricka, Wotans Frau, die Göttin der Ehe, des Herdes und Haushalts. Ich stehe in dem opulenten Saal und schaue mir die Wandgemälde aus dem 19. Jahrhundert an: Da ist Odin, der nordische Göttervater, der im RING Wotan genannt wird; dort stirbt sein Sohn Baldur; da ist ein Trinkgelage auf Walhall.

Ein Ausschnitt aus dem Vaterländischen Fries im neuen Museum in Berlin: Das ist Odin, der nordische Göttervater, der in Wagners RING als Wotan auftaucht © Max Zerrahn
 
 

An der Stirnseite des Frieses liegen zwei germanische Krieger in einem Hügelgrab, der Schmuck, den sie auf den Gemälden tragen, ist von historischen Fundstücken inspiriert, die wiederum bei der Eröffnung des Saals ausgestellt wurden. Nur der für mich wichtigste Teil fehlt: Ausgerechnet die Fricka ist im Vaterländischen Fries nicht erhalten. Noch etwas anderes fehlt, und diesmal fehlte es dem Publikum. Pandemiebedingt konnte der RING-Zyklus nicht mit dem RHEINGOLD beginnen, dem Vorabend, in dem unter anderem Frickas besorgte, weichere Seite etabliert wird. So aber stiegen wir im September direkt mit der WALKÜRE ein. Dort tritt Fricka dominant auf, hat es satt, permanent von Wotan betrogen und bloßgestellt zu werden, stellt ihn zur Rede und zwingt ihn, nach ihrem Willen zu handeln. Damit zeigt sie ihre Prinzipien: Sie kann dieses Verhalten als Göttin der Ehe nicht akzeptieren – sich aber auch nicht einfach von Wotan scheiden lassen. Ich bin quasi kalt in diesen Höhepunkt eingestiegen. Es war nicht leicht, den inneren Bogen ohne Vorgeschichte zu spannen, weil Singen ein Ganzkörpererlebnis ist. Ich habe physisch gefühlt, wie sehr mir DAS RHEINGOLD für mein Debüt fehlte.

Fricka hat menschliche Züge – aber sie bleibt eine Göttin. Auf eine Weise ist sie mir trotzdem ähnlich: Auch ich bin jemand mit Prinzipien, wenn auch nicht so extrem wie Fricka. Mir sind Werte wie Ehrlichkeit, Treue und Hilfsbereitschaft wichtig. Auch in meinem Beruf helfen mir Prinzipien: Ich trinke etwa keinen Alkohol am Tag vor einer Vorstellung oder während der stressigen Endproben. Ich verstehe Fricka, auch in ihrer schwierigen Beziehung zu Wotan. Ich bewundere sie für ihre verbale Stärke, sie kontert jede seiner Spitzen. Ich singe gern in der deutschen Sprache, die so eigene Wortkreationen hervorbringt wie Waldeinsamkeit und Fernweh. Im Deutschen kann ich mit Sprache malen. Wagner mischt in seine Werke alt- und mittelhochdeutsche Wörter wie Klinze (ein schmaler Spalt), kiesen (wählen) oder Mähre (altes Pferd) und kreiert sogar eigene Worte wie böslich und neidlich. Seine Stabreimliebe kommt besonders bei den Rheintöchtern zur Geltung: »Weia! Waga! Woge, du Welle, walle zur Wiege! Wagalaweia! Wallala weialaweia!« Dieser Reim wird oft parodiert, aber er ist genau erklärbar und alles andere als willkürlich: »Wag« ist ein bewegtes Wasser und »waian« ein germanisches Verb für »wehen«.

Wenn man sich mit Wagner und seinem Werk befasst, stößt man automatisch auf die deutsche Geschichte, auch auf dunkle Teile, etwa seinen Antisemitismus. Ich bin nicht unbedingt stolz darauf, Deutsche zu sein. Stolz ist mir sowieso eher fremd. Ich fühle eher lokal und global: Ich komme aus Stuttgart und für diese Stadt und meine Familie dort hege ich Heimatgefühle, gleichzeitig freue ich mich, Europäerin und Weltbürgerin zu sein. Was ist schon deutsch? Das Nationale ist ja ohnehin eine Konstruktion – Kulturen, Sprachen, Menschen sind immer in Bewegung. Und genau das dokumentieren nicht zuletzt auch Museen. Sicher, ich könnte auch ohne diese intensive Beschäftigung mit der Geschichte, mit Gemälden und Artefakten meine Figuren singen – aber die Streifzüge durch die Museen helfen mir, meine Rollen umfassend, körperlich, ja, dreidimensional zu erfassen.

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