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Asmik Grigorian – Mein Seelenort: Die Bühne

Die Sopranistin Asmik Grigorian gibt mit Madama Butterfly ihr Debüt an der Deutschen Oper Berlin. Seit sie denken kann, lebt, liebt und leidet sie auf der Bühne

Giacomo Puccini: Madama Butterfly
Dirigent: John Fiore
Regie: Pier Luigi Samaritani
Mit Asmik Grigorian, Jana Kurucová, Joshua Guerrero, Thomas Lehman, Burkhard Ulrich u. a.
3., 6. Dezember 2020

Mein Seelenort ist die Bühne. Sie ist mein Zuhause, ein Teil meiner Seele. Meine Eltern haben sich erst auf der Bühne geliebt, dann im echten Leben. Sie beide haben auf Opernbühnen gesungen, meine Mutter als Sopranistin, mein Vater als Tenor. Ich bin ein Bühnenkind, im wahrsten Sinne des Wortes. Der besondere Raum begleitet mich, seit ich denken kann, er war schon um mich, bevor ich geboren wurde.

Die Bühne ermöglicht mir heute, viele Leben in einem zu leben. Ich bin eine andere, jeden Tag. Für mich ist die Bühne ein natürliches Habitat. Jedes Mal, wenn ich die Bühne betrete, trage ich meine Bühnenerinnerungen mit mir. Die kommen in jeder Rolle wieder hoch, sie sind in meinem Körpergedächtnis gespeichert. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das erste Mal eine Bühne betrat. Ich besuchte mit fünf Jahren eine Musikschule. Dort hatten wir ständig Prüfungen und traten auf, so dass die Bühne uns Schülern vertraut war. Außerdem habe ich als Kind Theater gespielt; einmal war ich das Kind in MADAMA BUTTERFLY. Wenn ich nun die Butterfly singe, erinnere ich mich zwar nicht mehr so wirklich daran, wie ich als Kind in dem Stück auf der Bühne stand. Aber wenn der Chor an einer bestimmten Stelle zu singen beginnt, fühle ich in meinem Bauch dieselben Wellen des Mitleids aufsteigen, das ich damals meiner Bühnenmutter gegenüber empfand. So tief haben sich meine Bühnenerinnerungen in mich eingebrannt.

Schrecken, Leid und Angst sind ebenso Teil ihrer Bühnenerfahrung, wie Freude, Stolz und Liebe: Asmik Grigorian 2018 als SALOME in Salzburg © Ruth Walz / Salzburger Festspiele
 

 

Oft sitzt jemand im Publikum, den ich kenne und mag. Menschen, die ich vermisse, platziere ich in Gedanken dazu, stelle mir vor, dass sie zuhören. Seit mein Vater vor vier Jahren gestorben ist, betrete ich die Bühnen, auf denen er gesungen hat, mit einem anderen Gefühl. Etwa die Wiener Staatsoper. Ich weiß, hier hat mein Vater schon gestanden, dann fühle ich mich ihm nah. So begleiten mich Emotionen, Geschichten, Erinnerungen – und Gerüche, ich merke mir alles mögliche über Gerüche. Aber es ist seltsam: Wenn ich die Augen schließe und mir den typischen Bühnengeruch vorstellen will, gelingt mir das nie. Bühnen riechen immer anders. Für mich riechen sie vor allem nach den verschiedenen Menschen, denen ich dort begegne.

Unbändige Kraft und ekstatische Leidenschaft zeigte Asmik Grigorian 2018 bei den Salzburger Festspielen. Die umjubelte Premiere war ihr Durchbruch © Ruth Walz / Salzburger Festspiele
 

Wie in jeder großen Liebe habe ich zur Bühne aber auch ein gespaltenes Verhältnis. Einerseits war es für mich immer das Natürlichste auf der Welt, auf der Bühne zu
stehen. Gleichzeitig ist sie ein Ort der Angst. Ich hatte schon mit Panikattacken zu kämpfen, mit großer Furcht zu versagen. Was für eine Prüfung, welch ein Kampf! Mit mir, gegen mich. Ich habe wirklich viele schreckliche Momente auf der Bühne erlebt. Oft habe ich mitten in der Vorstellung gedacht: »Okay Leute, das war’s, ich kann nicht mehr, ich gehe.« Was hilft? Üben, üben, üben, viele Jahre lang, um zu wissen, was genau ich da mache, um mir selbst zu vertrauen.

Die Angst wird nie weniger, aber ich kann besser mit ihr umgehen. Jede Vorstellung ist intensiv. Manche Abende ragen heraus. Die Auftritte in Salzburg dieses Jahr waren besonders, weil ich jeden Abend bis zum letzten Moment nicht wusste, ob wir auf die Bühne können. Viele Kolleginnen und Kollegen haben die Bühne in der Pandemie sehr vermisst, aber ich hatte großes Glück. Zu Beginn des Lockdowns war ich so müde und erschöpft, dass ich froh war über eine kleine Pause. Dann durfte ich schnell wieder auftreten, in Salzburg, Wien, Madrid, Berlin. Auch die SALOME-Premiere 2018 bei den Salzburger Festspielen war ein besonderer Moment für mich, da wurde ich von tosendem Applaus überrascht. Oder gerade in Wien: Da bin ich für mein BUTTERFLY-Debüt zum ersten Mal seit langer Zeit ohne Medikamente gegen meine Panikattacken aufgetreten. Es war eine Riesenherausforderung, aber ich habe es geschafft. Ich war so stolz auf mich und bin es noch.

MADAMA BUTTERFLY ist eine der berührendsten Opern, die ich kenne. Sie ist mit Abstand meine Lieblingsoper, so kraftvoll und schrecklich traurig. Die junge Japanerin Butterfly wartet auf ihren amerikanischen Ehemann, den Marineleutnant Pinkerton, der sie mit ihrem gemeinsamen Kind in Japan zurückgelassen hat. Als er endlich wiederkehrt, kommt er nicht allein. Er bringt seine neue amerikanische Frau mit – um das Kind mit nach Amerika zu nehmen. Das Traurigste in dieser Oper ist für mich, dass Pinkerton nie die Kraft hat, seinen Fehler zuzugeben. Könnte er doch zu Butterfly sagen: »Es tut mir leid. Lass es uns noch mal miteinander versuchen.« Stattdessen rennt er einfach weg. Seine Feigheit erschüttert mich immer wieder aufs Neue. Man kann Butterfly leicht als Klischee der sich aufopfernden Frau lesen. Aber für mich handelt sie völlig nachvollziehbar. Ich finde ihre aufopferungsvolle Art wunderschön, ich sehe sie als zarte, aber unendlich starke Frau. Ich spiele Butterfly daher nicht als naives Mädchen. Sie weiß genau, was sie tut. Ihre Hoffnung bleibt ungebrochen, selbst im Moment ihres Todes steht sie aufrecht. Wenn ich mit ihr auf der Bühne stehe, fühle ich mich stark und voller Liebe.