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Aufbruch- und Endzeitfantasie der 1920er Jahre – ein Jahrhundert später wieder höchst aktuell

Vier Fragen an den Regisseur

Antikrist
Kirchenoper von Rued Langgaard
Musikalische Leitung: Stephan Zilias
Inszenierung: Ersan Mondtag
Mit Thomas Lehman, Jonas Grundner-Culemann, Rachel Park, Irene Roberts, Thomas Blondelle, Anna Buslidze, Flurina Stucki, Michael König, Seth Carico
21., 26., 31. März; 7., 24. April 2020

Regisseur Ersan Mondtag ist in Berlin kein Unbekannter: Seine bildmächtigen Inszenierungen wurden zum Theatertreffen eingeladen, er arbeitete am Gorki Theater und am Berliner Ensemble. Nun bereitet er seine erste Oper für Berlin vor: ein unbekanntes Werk des dänischen Außenseiter-Komponisten Rued Langgaard. ANTIKRIST ist eine oratorische Kirchenoper, die, inspiriert vom mittelalterlichen Mysterienspiel, Gott und Teufel auftreten lässt und die Menschheit mit ihren Lastern konfrontiert. Dem hochsymbolischen und verschlüsselten Text steht eine spätromantisch-satte, emotional aufgeladene Partitur gegenüber.

 

Gerade hatten Sie in Antwerpen Premiere mit Ihrer ersten Operninszenierung – Franz Schrekers DER SCHMIED VON GENT. Wie Rued Langgaards ANTIKRIST ist auch dies eine unbekannte Oper der 1920er Jahre. Kann man die Werke miteinander vergleichen?
Die Stücke sind wirklich komplett anders. Sie sind zwar in der gleichen Zeit entstanden, aber man erlebt diametral entgegengesetzte Ansätze, sowohl was Musik als auch Libretto anbelangt. Schrekers SCHMIED VON GENT hat ein wirklich fantastisches Libretto. Es ist dicht und komplex – man könnte es als Theaterstück aufführen und die Musik weglassen. Das funktioniert beim ANTIKRIST überhaupt nicht – man kann mit dem Libretto unabhängig von der Musik nicht viel anfangen. Bei ANTIKRIST haben wir einen jungen, von der Welt übersättigten Komponisten, der mit großem Pathos, mit großer Ernsthaftigkeit und sakralem Gestus den Zustand seiner Welt versucht, in Worte zu fassen: bild- und sprachgewaltig. Das hat fast schon Jelineksche Qualitäten – der innere Zustand eines Menschen drückt sich komplett in der Form seines Kunstwerkes aus. ANTIKRIST ist da wirklich eine Herausforderung. Man hat keine echte Handlung, keine Figuren, die miteinander interagieren, sondern nur einzelne Nummern und Zustände. Es ist quasi das komplette Gegenteil von dem, was ich gerade gemacht habe – und das ist höchst spannend.

ANTIKRIST ist ein Werk der turbulenten 1920er Jahre. Wir stehen am Anfang der 2020er Jahre – und es werden gern Vergleiche gezogen. Sehen Sie Parallelen?
Das Libretto der Oper spiegelt natürlich seine Zeit: Ich lese darin eine Parabel auf das Erstarken des Faschismus in Europa. Man kann den Pakt zwischen Luzifer und Gott, der am Beginn der Oper steht und zur Offenbarung des Antichristen – also aller menschenverführenden Laster – führt, als eine Art Hitler-Stalin-Pakt lesen. Ich glaube, jeder Zuschauer wird da ganz eigene Assoziationen haben. Und dann gibt es Figuren wie „Der Mund, der große Worte spricht“ … Das evoziert Bilder von Populisten damals, aber eben auch heute. Man spricht ja gern von der Wiederholung der Geschichte alle hundert Jahre – und in der Tat sehen wir viele Parallelen. Die in den letzten Jahren sich verschärfende Klimadebatte weitet für mich das Apokalyptisch-Endzeitliche der Oper. Ja, wir leben in einer Zeit, in der Apokalypsen Konjunktur haben.

Sie sprachen schon von dem Text – hochsymbolistisch, verrätselt. Kann man den überhaupt inszenieren?
Das Libretto ist übersättigt von Metaphern, Bildern und Anspielungen. Es inspiriert einen, aber es ist schwierig, den Text wirklich als formgebende Sinneinheit zu inszenieren. Langgaards zum Teil sehr konkrete szenische Vorstellungen lassen sich auf der Bühne so nicht umsetzen. Ich ignoriere das Libretto deshalb ein Stück weit und konzentriere mich auf die Übertragung der Musik vom Orchestergraben auf die Bilder auf der Bühne. Die Musik ist auch der Hauptgrund, weshalb man die Oper aufführen sollte. Deshalb möchte ich der facettenreichen, überraschend süffigen Partitur genug Raum geben, um entdeckt zu werden. Außer mit den Solist*innen arbeite ich mit dem Choreografen Rob Fordeyn und einem Ensemble von Tänzer*innen – gemeinsam entwickeln wir eine Bild- und Bewegungssprache, die die Musik spiegeln kann.

Ihre Inszenierungen sind immer aus einem Guss. Sie haben sich selbst mal eher als Bühnenbildner denn als Regisseur bezeichnet. Zu welchen Bildwelten hat Sie nun Langgaards Musik und Text inspiriert?
Das Expressionistisch-Überzeichnete steckt natürlich im Thema, das hört man aber auch in der Musik: Orgel, Glocken, Bläserchoräle und Fugen tönen endzeitlich, aber auch hoffnungsvoll. Es wird eine farblich stark überzeichnete Bildwelt entstehen. Das Bühnenbild ist von Christopher Nolans Film „Inception“ inspiriert, in dem sich die Welt in manchen Szenen umzudrehen scheint. In meinem „Antikrist“ fällt ein Taxi vom Himmel, ein erhängter Gott schwebt über der Bühne. Er, Gott, hat eine Vulva, ist aber ein Mann. Ich werde die Inszenierung spätkapitalistisch anlegen: Eine Großstadtszenerie, in der die Welt zusammenbricht. Und es gibt Höllengestalten und Horrorfiguren, mit Hörnern, fleischig, blutig. Dem merkwürdig hoffnungsfrohen Ende mit seiner Verdammung des Bösen und Anbetung Gottes vertraue ich nicht ganz …

Das Gespräch führte Lars Gebhardt.