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Giuseppe Verdis „Macht des Schicksals“

Etwas Göttliches und etwas Teuflisches steckt in jedem Menschen

In seinen 25 Jahren als Chef der Berliner Volksbühne wurde Frank Castorf zum stilprägendsten Regisseur seiner Generation. Nun inszeniert er an der Bismarckstraße „La forza del destino“. Jörg Königsdorf sprach mit ihm über die Faszination für diesen Stoff

La forza del destino

Musikalische Leitung: John Fiore; Inszenierung: Frank Castorf; Mit Stephen Bronk, Liudmyla Monastyrska, Etienne Dupuis, Roberto Aronica, Judit Kutasi, Tobias Kehrer, Noel Bouley u. a.

wieder ab 17. Juni 2020

Herr Castorf, unter den Titeln von Verdis Opern sticht „La forza del destino“
heraus – das ist kein Name wie Macbeth, Aida oder Otello, sondern eine geradezu programmatische Ansage. Was ist diese „Macht des Schicksals“ eigentlich?
Das ist die Heiligsprechung des Zufalls. Insofern ist dieser Titel für Verdi geradezu ein Glaubensbekenntnis: Als Agnostiker glaubt er nicht an die Beherrschbarkeit der Welt. Es herrscht das Schicksal, wir können es nicht beeinflussen und die Welt nicht verändern. In dieser Oper wird diese Macht des Schicksals ja schon zu Anfang in aller Deutlichkeit demonstriert: Jemand sagt: „Ich will nicht töten“, wirft seine Pistole fort und der Schuss, der sich löst, wird vom Schicksal direkt ins Herz des Marchese gelenkt. Und alles Weitere verläuft dann nach einem Plan, der für alle Beteiligten unvorhersehbar ist. Das gefällt mir, dieses Beharren darauf, dass jeder Mensch etwas Göttliches und etwas Teuflisches in sich trägt, steht unserer heutigen Überzeugung entgegen, dass alles planbar ist und wir jeden Menschen integrieren und im Sinne unserer Demokratie zu etwas Gutem machen können. Da glaube ich mit Verdi eher an die Macht des Schicksals.

Diese Zerrissenheit des Menschen zwischen Gut und Böse – oder auch nur zwischen Gefühl und Erziehung – macht es dem Schicksal ziemlich leicht, durch banale Zufälle das Leben der Menschen in die eine oder andere Richtung zu lenken.
Tatsächlich ist hier alles doppeldeutig. Wir haben eine Folie von Moral, Konvention und Wohlanständigkeit auf der einen Seite und auf der anderen die Kräfte im Innern der Menschen, die dagegen rebellieren. Nehmen Sie Leonora, die weibliche Hauptfigur: Wir erleben zu Anfang der Oper, wie stark sie durch das Verhältnis zu ihrem Vater geprägt ist, der als eine Art autoritäre Führerfigur durchaus an Franco, Mussolini oder Hitler denken lässt. Andererseits hat sie eine vitalistische sexuelle Fantasie, die all diese Begriffe von Ehre, Jungfräulichkeit und Kastendenken außer Kraft setzt. Oder auch Alvaro, der Mestize, der als Sohn eines spanischen Conquistadores und einer Inkaprinzessin diese Polarität schon von Geburt an in sich trägt: Er sieht sich als Sohn der Sonne und ist davon beseelt, das Inkareich seiner Vorfahren in eine Art neues Königreich zu überführen. Aber gleichzeitig ist da dieses Bedürfnis nach der Liebe Leonoras und auch nach einem friedfertigen Leben jenseits von Kampf und Gewalt. Was wir in „La forza del destino“ erleben, ist ein fortwährender Widerspruch zwischen der Natur des Menschen und seiner Ideologie.

Welche Rolle spielt dabei die Musik?
Die Musik Verdis ist – wie bei Wagner – Sinnsuche und Sinnlichkeitssuche. Sie steht für dieses vitalistische Prinzip, das die Figuren im Innersten antreibt. Man könnte auch sagen: Sie ist komponiertes Vögeln. Und die emotionale Gegenwärtigkeit der Musik öffnet das Stück ins Heute. Denn in der Musik geht es ja nicht darum, das historische Setting eines Krieges aus dem frühen 18. Jahrhundert nachzustellen. Sondern es geht darum, dass etwas außerhalb unseres Selbst existiert, das größer ist als wir. Hier gibt es eine Aufgehobenheit im Göttlichen – oder wie auch immer man es nennen mag – ebenso wie im Tod. Das möchte ich nicht ironisieren, sondern diese existenzielle Fragestellung in eine Zeit transponieren, die für uns nicht bloß Historie ist.

Das Neapel von 1943, das Curzio Malaparte in seinem Roman „Die Haut“ beschreibt.
In den Beschreibungen Malapartes habe ich die gleiche Sicht auf die Zwiespältigkeit des Menschen gefunden wie bei Verdi. Er beschreibt das von den Alliierten befreite Neapel, in dem die Befreiten zu Handlangern für die dunkelsten Triebbefriedigungen der Befreier werden, die doch eigentlich Freiheit und Demokratie bringen sollten. Diese Pervertiertheit wird in einer Art geschildert, in der sich die Grenzen zwischen extremem Realismus und Surrealismus verwischen – das ist bei Malaparte und Verdi so, aber auch bei Dante, Bataille und Victor Hugo. Deshalb ist mir bei der Umsetzung auch eine veristische Treue am Set wichtig: dass wir aus nächster Nähe sehen, wie der Körper arbeitet und schwitzt, während gleichzeitig der Traum des Singens passiert.