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Was mich bewegt ...

Neeeeein!

Im ersten Leben hat John Lundgren ein Kinderheim geleitet, jetzt singt er den Wotan in DIE WALKÜRE – und hier wie dort ist er mit Widerstand konfrontiert. Über schwer erziehbare Kinder und die Kraft der Ehrlichkeit

Die Walküre
Erster Tag des Bühnenfestspiels für drei Tage und einen Vorabend von Richard Wagner
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Inszenierung: Stefan Herheim
Mit Brandon Jovanovich, Tobias Kehrer, John Lundgren, Elisabeth Teige, Annika Schlicht, Nina Stemme u. a.
Ab 29. Oktober 2021

In den neunziger Jahren habe ich in Schweden ein Heim für »schwer erziehbare« Kinder und Jugendliche geleitet. Die meisten von ihnen waren junge Männer zwischen 13 und 20; sie hatten Ärger in der Familie, in der Schule, manche nahmen Drogen, viele hatten neurologische Probleme. Es war eine harte Arbeit, die mir sehr nah ging. Ich war jung, Mitte zwanzig, und nach ein paar Jahren war mir das zu viel. Ich hatte zu Schulzeiten gesungen und beschloss, Opernsänger zu werden. Nun singe ich in der WALKÜRE den Wotan, ein Vater, der in Brünnhilde mit einer aufsässigen, nicht zu bändigenden Tochter konfrontiert ist – und ich denke oft an die Zeit im Heim.

Die Jugendlichen damals waren unbequem, haben einander ständig provoziert und auch mich in jeder Minute herausgefordert. Auch Brünnhilde provoziert, fordert ihren Vater heraus, stellt sich gegen seine Autorität. Meine Heimkinder waren sperrig, weil sie Verletzungen erlitten hatten, die es ihnen nahezu unmöglich machten, anderen Menschen zu vertrauen, selbst solchen, die ihnen nahestehen. Brünnhilde dagegen handelt aus einer tief empfundenen, persönlichen Ethik heraus. Sie will ihren Vater auf einen guten Weg bringen, strebt nach dem Besten.

Brünnhilde wird sich nicht aufhalten lassen. Sie widersetzt sich dem Befehl des Vaters, dessen Sohn (und ihren Halbbruder) Siegmund zu töten; sie ist Rebellin durch und durch. Und auch viele der Jungs im Heim waren schier unbeugsam, respektierten keine Grenzen. Mehr noch, sie haben ständig Grenzen gesucht, auch körperlich, auch mit Gewalt. Einmal sollte ich mit einem Jungen zum Arzt. Kurz vor der Abfahrt sagte er, »ich geh nicht mit«, machte den Fernseher an, schmiss sich aufs Sofa. Ich konnte sehen, dass seine Augen dunkel waren, er hatte Angst. Ich musste aber auf den Regelbruch reagieren und sagte: »Okay, wir gehen nicht zum Arzt, aber du darfst um diese Zeit nicht fernsehen. Geh’ auf dein Zimmer!« Er sprang auf, schmiss den heißen Kaffeebecher an die Wand, stürzte sich auf mich, schlug nach meiner Kehle. Mit einem Kollegen schafften wir es, ihn zu beruhigten. Am nächsten Tag sagte ich: »Schlag mir nie wieder ins Gesicht.« Er: »Ich habe dir nicht ins Gesicht geschlagen. Ich habe auf deine Kehle geschlagen. Ich wollte sie zerdrücken.« Ihm war völlig klar, wie gefährlich er für mich gewesen war.

Als Autorität in so einem Umfeld hast du nur eine Chance: Du musst radikal ehrlich sein, total geradeaus, glasklar kommunizieren. Diese Jungs riechen sofort, wenn du sie reinlegen willst. Sie trauen niemandem. Das können sie nicht, sie fühlen sich betrogen, von Eltern, Schule und Polizei. Also testen sie, fortlaufend: Wird mich diese Person noch unterstützen, wenn ich sie angreife? Selbst wenn sie mich verletzen oder umbringen wollten: Diese Jungs sind nicht böse. Sie sind eingesperrt, sprachlos. Ihre persönliche Wahrheit, Wirklichkeit und Freiheit müssen sie sich hart erringen, indem sie kämpfen. Ich habe von ihnen gelernt, sie dabei mit Ehrlichkeit und Klarheit zu unterstützen.

Wotan ist natürlich die Autoritätsperson schlechthin, doch ihm mangelt es an Klarheit und hehren Zielen. Er ist ein Hedonist, ein Playboy, der Lust und Liebe sucht, ein Machttyp, der alles kontrollieren will. Zwischendurch versucht er es immer wieder mit Ehrlichkeit, muss aber anschließend alles wieder verdrehen, verbiegen, zerstören.

Hätte ich im Heim so agiert wie Wotan in der WALKÜRE, wäre ich nicht weit gekommen. Ich glaube, ich lerne gerade von Wotan viel über Ehrlichkeit, weil er selbst das nicht hinkriegt. Aber Himmel, es ist auch echt schwer, ein Gott zu sein. Es ist ja schon schwer genug, ein Mensch zu sein.

Ich denke oft an die jungen Männer. Ich selbst bin behütet aufgewachsen, in einer normalen Mittelklassefamilie, in einer kleinen Stadt in Schweden. Als ich im Heim anfing, konnte ich kaum glauben, dass es Menschen mit derart dunklen Gefühlen gibt. Die Dunkelheit meiner Jungs hilft mir heute, düstere, komplexe Figuren wie Wotan zu verstehen und auszufüllen. Oper ist niemals wie ein sonniger Dienstagnachmittag. Oper ist aggressiv, gewalttätig, radikal. Du triffst Lügner, Betrüger, Wahnsinnige. Manchmal tobe ich mich auf der Bühne aus, wie der Junge vor dem Arztbesuch, und sprühe meine Angst wie Gift ins Publikum. Einmal sagte ein Zuschauer: »Ich weiß nicht, ob ich dir danken soll. Es war fürchterlich.« Solche Auftritte widme ich leise meinen Jungs im Heim.

 

Auf dem Foto oben: Unberechenbar, unbeugsam, aggressiv: Die neunjährige Benni [Helena Zengel] schreit ihre Wut heraus in einer Szene des Films »Systemsprenger« © Peter Hartwig|Port au Princen

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