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Im Gespräch mit Claus Guth

Psychedelische Achterbahnfahrt

An der Deutschen Oper Berlin inszeniert Claus Guth „Heart Chamber“, eine neue Oper von Chaya Czernowin.

Heart Chamber
An inquiry about love von Chaya Czernowin
Dirigent: Johannes Kalitzke
Inszenierung: Claus Guth
Mit Patrizia Ciofi, Noa Frenkel, Dietrich Henschel, Terry Wey, Ensemble Nikel, SWR Experimentalstudio u. v. a. m.
Uraufführung: 15. November 2019

Claus Guth ist seit vielen Jahren einer der ganz großen und wichtigen Regisseure im internationalen Opernbetrieb. In den alten Stücken des Repertoires sucht er nach Aktualität und Relevanz für heute. Die besonderen Herausforderungen sind für ihn aber immer wieder die neuen Werke, das Musiktheater des 21. Jahrhunderts. An der Deutschen Oper Berlin inszeniert Claus Guth „Heart Chamber“, eine neue Oper von Chaya Czernowin.

Was bedeutet es für Sie, nicht einen bekannten Klassiker zu inszenieren, sondern ein ganz neues, noch nie gehörtes Werk?
Uraufführungen sind immer aufregend. Und Neues für die Opernbühne von Chaya Czernowin ist nochmal potenziert der Extremfall einer Reise ins Ungewisse. Ich habe schon zwei Stücke von ihr inszeniert. In unserer ersten Zusammenarbeit, bei „Pnima… ins Innere“, gab es nicht einmal einen Text – alles war Klang und Geräusch. Erst mit der Zeit und durch besseres Kennenlernen der Komponistin bekam ich ein Gefühl, worum es in dem Stück geht – am Ende war es glasklar. Aber dieser Prozess braucht Zeit, ist mühsam, doch dann auch sehr beglückend.

Wie sieht das bei HEART CHAMBER aus – auch eine Oper komplett ohne Text?
Für „Heart Chamber“ hat Chaya Czernowin selbst einen Text verfasst, aber das ist eher ein Skelett und noch kein Theaterabend. Kurz zusammengefasst: Ein Mann und eine Frau verlieben sich. Aber es läuft nicht gut ... etwas Vergangenes steht im Weg, doch was das ist und wie sich die Beziehung entwickelt, bleibt dem Regisseur überlassen. In „Heart Chamber“ geht es um diese Liebesbeziehung, aber auch ganz grundsätzlich um Einsamkeit, eine tiefe Einsamkeit, die wir alle in uns tragen. Und Fragen wie: Wieviel davon muss ich aufgeben für einen anderen Menschen? Wieviel kann ich aufgeben? Ist das Liebe? Was ist die Liebe? Ausgehend von diesen Fragen erfinde ich dann eine Geschichte.

Das heißt, Sie werden als Regisseur auch zum Mitschöpfer?
In gewisser Weise schon. Wenn ich einen „Rigoletto“ vorbereite, ist das ein völlig anderer Vorgang. Da reizt es mich, in einem altbekannten Stoff eine interessante Sichtweise zu entdecken. Jeder erkennt sofort diesen Regiespagat. Bei einer Uraufführung wie „Heart Chamber“ passiert das Skurrile, dass das Publikum eine Geschichte sieht und dabei nicht weiß, dass sie in der Partitur gar nicht steht. Ich sehe mich dann tatsächlich auch als Mitschöpfer von etwas, das zum Leben erweckt wird. Und das ist eine andere Kategorie als nur zu interpretieren – eine Herausforderung, die mich immer wieder juckt.

Was sind die Eigenschaften, die Sie brauchen, um sich auf einen solchen Sprung ins Unbekannte einzulassen?
Neugier. Ich freue mich für einen Moment an dem, was ich kann. Und dann suche ich wieder etwas Neues, das ich nicht kann. Das ist eine immer wieder wahnsinnig spannende Psychoreise. Und diese wird nur funktionieren, wenn nicht nur ich, sondern auch die Darsteller etwas von sich preisgeben. Dazu braucht es Vertrauen – und das ist ein unglaublich sensibler, fragiler Weg mit Menschen. Das fasziniert mich. Und hier, bei „Heart Chamber“ ist alles neu – für alle. Alle sind verunsichert. Bei „Rigoletto“ denken die Sänger vielleicht: Ich kann ja meine Rolle, schauen wir, welche Ideen der Regisseur dazu hat. Aber hier ist jeder am Tasten: Wie singt man diese Partien? Welche Figuren gibt es? Was sind ihre Geschichten? Meine Aufgabe ist dann noch mehr als sonst, einen angstfreien Raum zu kreieren, um Dinge auszuprobieren.

Welche besonderen Qualitäten hat eine Uraufführung, die andere Opernabende nicht haben? Was könnten die Zuschauer mitnehmen?
Das Publikum kann sich an so einem Uraufführungsabend an nichts festhalten. Man kauft sich ein Ticket, für etwas, „Heart Chamber“, „Herzkammer“, was erstmal nicht viel sagt. Ich finde es toll, mir ein Ticket für etwas zu kaufen und dabei zu denken: Keine Ahnung, was jetzt kommt. Und, ein zweiter Punkt: Wenn man eine Neuinterpretation eines Klassikers sieht, dann läuft der Kopf extrem rational mit. Man denkt: Was sagt die Figur, was antwortet jene? Oder: Das hat Verdi im Libretto geschrieben, gut mitlesbar in den Übertiteln, und gleichzeitig zeigt der Regisseur etwas Anderes. Warum? Der Kopf arbeitet, man denkt und denkt. „Heart Chamber“ könnte ganz anders sein: wie eine psychedelische Achterbahnfahrt. Die Türen werden zugemacht, es wird dunkel und man saust in abgründige, völlig fremde Welten hinein, die man vielleicht so noch nie gehört hat: Die Elektronik, die Chaya Czernowin einsetzt, wird ganz neue Hörwelten rund um das Publikum entstehen lassen. Die Instrumente spielen eigentlich nie so, wie wir sie sonst kennen. Das sind radikal neue Erfahrungsräume für die Ohren. Da sitzt man vielleicht und staunt nur. Man staunt, vergisst den Kopf und schaltet ihn im Idealfall erst danach wieder ein.