Aus dem Programmheft

Rued Langgaards ANTIKRIST … Eine musiktheoretische Einordnung

Ein Essay von Bendt Viinholt Nielsen

Antikrist
Dirigent: Stephan Zilias
Regie: Ersan Mondtag
Mit u. a. Thomas Lehman, Jonas Grundner-Culemann, Valeriia Savinskaia, Irene Roberts, Clemens Bieber, Gina Perregrino, Flurina Stucki, AJ Glueckert, Jordan Shanahan
Premiere am 30. Januar 2022

ANTIKRIST, Rued Langgaards einzige Oper, ist ein philosophisch-religiöses Werk über den Verfall und Untergang der westlichen Zivilisation und überhaupt eine Kritik des modernen ‚Lebensstils‘ und der modernen Mentalität. Die Oper ist eine Untergangsprophetie und eine Warnung vor Eigennutz, Hochmut und dem Verlust geistiger Werte. Ihre desillusionierte Botschaft lautet, Gesellschaft, Zivilisation und Kirche haben versagt, übrig bleibt nur noch eines, nämlich die persönliche Beziehung des einzelnen Menschen zu Gott. Langgaard will sagen, dass die Musik imstande ist, den ‚Zeitgeist‘ auszudrücken und zugleich den Weg zum Göttlichen zu weisen.

 

Hintergrund und Kontext
 

Der „Antichrist” ist eine biblische Gestalt, die im ersten und zweiten Brief des Johannes und auch an verschiedenen anderen Stellen im Neuen Testament erwähnt wird (vor allem in Matth. 24). Der Antichrist ist der Feind der Christenheit, eine dämonische Verführergestalt, die Christus leugnet und sich die Welt durch Betrug unterwirft. Sein Kommen ist das sichere Zeichen für den nahenden Weltuntergang. Herkömmlicherweise erblickte man in dem siebenköpfigen Ungeheuer, das in den Untergangsvisionen der Johannesoffenbarung beschrieben wird (Apokalypse, Kapitel 13), ein Bild des Antichrist. Das Kommen des Antichrist beschäftigte als Erwartung die Gemüter namentlich in der urchristlichen Zeit und im Mittelalter. Sowohl Kaiser Nero wie Mohammed, Luther und der Papst wurden im Laufe der Geschichte von ihren Gegnern mit dem Antichristen gleichgesetzt.

In der protestantischen dänischen Kirchentradition beschäftigte man sich nicht mit dem Antichrist. Langgaard fühlt sich von dem Phänomen zwar ungeheuer fasziniert, doch diese Anziehungskraft ist künstlerisch, musikalisch und psychologisch bedingt. Als Anregung diente ihm u. a. P.E. Benzons dramatisches Gedicht „Antikrist“ von 1907. 1919 erschien ein ‚wissenschaftliches‘ Buch von Einar Prip, in dem der Autor nachzuweisen versucht, dass der Antichrist in der Welt zugegen ist. Das Buch war Teil der sogenannten Lebensanschauungsdebatte, die in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg in Dänemark tobte. Angesichts des Zusammenbruchs aller Werte, den man nach dem Krieg erlebte, richtete sich der Blick auf geistige Themen. Langgaards Oper, deren erste Fassung 1921–23 komponiert wurde, war somit ein künstlerischer Beitrag zu einer aktuellen Debatte. Doch ohne die ‚neuen‘ Erfahrungen mit der Ausdruckskraft der Musik hätte Langgaard mit dem religiös und psychologisch anspruchsvollen Thema nichts anstellen können. Der von Carl Nielsen und insbesondere von dessen 4. Symphonie, „Det Uudslukkelige“ [1916], ausgehende Einfluss hatten dem Komponisten die Augen für neue Dimensionen der musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten geöffnet. Durch sein bahnbrechendes Werk „Sfærernes Musik“ [1916–18] hatte Langgaard in seiner Symphonie Nr. 6 [1919–20, später als ‚polemisierende‘ Parallele zu Nielsens Symphonietitel unter dem Titel „Det Himmelrivende“] eine Musik geschaffen, die auf apokalyptische und kosmische Visionen verweist.

Musik, die Kontraste und einen Konflikt zwischen dem ‚Konstruktiven‘ und dem ‚Destruktiven‘ birgt. Die beiden genannten Werke, die in der Musik der Oper auch beide zitiert werden, weisen auf ANTIKRIST voraus. Weitere musikalische Anregungen scheint Langgaard bei Wagner (vor allem im PARSIFAL) und bei Richard Strauss (SALOME) gefunden haben, und zuweilen findet man auch Anklänge an Schönbergs „Gurrelieder“ und Korngolds DIE TOTE STADT. Die beiden letzteren Werke dürfte Langgaard zwar kaum gehört haben, könnte auf seinen Deutschland- und Österreichreisen 1920–22 allerdings durchaus die Partituren gesehen haben.

Der Oper liegt Langgaards Vorstellung zugrunde, dass die Jahrzehnte um 1900 die Blütezeit der Tonkunst gewesen seien. Die verdichtete geistige Atmosphäre dieser Epoche, die sich in der zeitgenössischen Musik widerspiegelt, birgt den Höhepunkt der menschlichen Erfahrungen aller Zeiten – und den Schlüssel zum künftigen Schicksal der Menschheit. Langgaards Musik ist stark von diesem Denken geprägt, fast alle seine Werke verhalten sich zur Zeit um die Jahrhundertwende, der Zeit seiner eigenen Kindheit, und ‚interpretieren‘ sie. Doch die künstlerische und geistige Blütezeit, die Zeit von Jugendstil und Art Nouveau, beinhaltet auch Dekadenz, Verfall, Verlust und Verdammnis. Idee und Musik der Oper sind somit zwiespältig, bergen eine werkimmanente Zweideutigkeit, und zwar nicht nur aufgrund des unmittelbar erkennbaren Gegensatzes zwischen einem romantischen und einem eher modernen Stil, sondern auch aufgrund der stellenweise faszinierend verführerischen, opulenten Tonsprache. Die Oper trägt die Untertitel „Kirchenoper“ und „Szenen des Jüngsten Gerichts“. Das Wort Kirchenoper ist nicht wörtlich so zu verstehen, so als habe der Komponist an eine Aufführung in einem Kirchenraum gedacht. Es handelt sich viel eher um einen anderen Ausdruck für religiöse Oper, so daß „Kirche“ im abstrakten Sinne zu verstehen ist.

 

Entstehung und Aufführungen
 

Rued Langgaard schrieb das Libretto für die Erstfassung der Oper von 1921 selbst. Die Handlung entlieh er in großen Zügen dem erwähnten, 1907 erschienen Buch „Antikrist“ von P.E. Benzon, aus dem er auch Teile des Dialogs verwendete. Anregungen empfing er auch aus dem „Hohelied Salomos“ und dem „Dommedags Bog“ [1903] des Sonderlings Ernesto Dalgas sowie aus anderen Quellen. Die erste, als „allegorische Oper in fünf Bildern“ bezeichnete Fassung wurde im Februar 1923 abgeschlossen. Die Handlung beschrieb in Form des Psychodramas das „Passionsdrama“ des Antichrist. Die durchgängige Person war Apollyon, der Antichrist, der letztlich zugrunde geht, den Weg frei macht für den Untergang der Welt und damit Christi Wiederkunft provoziert. Die Oper wurde beim Königlichen Theater in Kopenhagen eingereicht, aber nicht angenommen, angeblich, weil der Text nicht „operngeeignet“ war. Das Vorspiel wurde allerdings 1923–27 in unterschiedlichen Konzerten gespielt.

1926–30 arbeitete Langgaard das Werk um. Er schrieb, abgesehen vom Text des 1. Bildes, im großen und ganzen ein neues Libretto, aus dem alle Ansätze zu einer fortschreitenden Handlung herausgenommen wurden und das sich weitgehend auf Bibelzitate stützte und davon untermauert wurde. Die Musik wurde zu einem Prolog und sechs Bildern umredigiert, wesentliche Teile der ursprünglichen Musik wurden ausgelassen, gewisse neue Teile dazukomponiert (Vorspiel zum 1. und 6. Bild, Teile des 3. und 6. Bildes). Dieser neuen Version gab Langgaard viele Titel, u. a. „Dyret fra Afgrunden“ / „Das Tier aus dem Abgrund“, „Modkrist“ / „Gegenchrist“ und „Sidste Tider“ / „Endzeiten“ sowie selbst erfundene Wörter wie „Kremàscó“ und „Krematio“. Langgaards eigene Partiturkopie trägt den Titel „Fortabelsen (Antikrist)“ / „Verdammnis (Antichrist)“. Diesen Titel bevorzugte der Komponist möglicherweise letztlich, ganz klar ist das allerdings nicht. Auch diese neue Fassung wurde beim Königlichen Theater eingereicht, doch auch diesmal nicht angenommen, erneut wegen des Textes. Langgaard drängte den Dänischen Rundfunk dazu, das Werk in einer Konzertfassung aufzuführen; 1940 gelang zumindest die Uraufführung des 5. und 6. Bildes der Oper sowie des Konzertschlusses. Das gesamte Werk wurde vom Dänischen Rundfunk unter der Leitung von Michael Schønwandt in einer Studioaufnahme eingespielt und 1980 herausgegeben.

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