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Kinder machen Oper - Deutsche Oper Berlin

Kinder machen Oper

Mit Grundschulkindern Musiktheater schreiben. Geht das? Aber ja, sogar sehr gut! Ein Bericht aus dem Klassenzimmer

Asal, Schülerin Am Wochenende war ich im Kletterpark. Zuerst hatte ich Höhenangst, aber dann habe ich mich überwunden. Danach habe ich mich gefühlt, als ob ich alles schaffen kann. Aber was vor einem Jahr war, darüber muss ich erst mal nachdenken.

Nuran, Schülerin Damals kamen drei Frauen von der Deutschen Oper Berlin zu uns in die Grundschule und haben mit uns einen Workshop gemacht. Sie haben uns zuerst unterschiedliche Fragen gestellt. Zum Beispiel: Welche Angst hast du schon einmal überwunden und dich danach besser gefühlt? Oder: Wenn du gegen etwas demonstrieren dürftest, was danach abgeschafft werden würde, was wäre das? Maria hat uns erklärt, wie ein Drehbuch aufgebaut ist. Danach durften wir Szenen schreiben und daraus Standbilder machen.

Asal Unsere Antworten waren Krieg, Sexismus, Homophobie, Klimawandel, Leistungsdruck und Armut.

Nuran Wir haben mit eigenen kurzen Texten auf die Fragen geantwortet. Später kamen die drei mit einem fertigen Stück zurück in die Schule und wir haben es gemeinsam gelesen. Es war toll: Wir haben unsere eigenen Geschichten wiedererkannt. Im November wird das Stück dann als Oper aufgeführt. Wir gehen alle zur Premiere.

Franziska Seeberg, Regisseurin Wir wollen eine Oper von Kindern, mit Kindern und für Kinder machen. Der Text von Maria Milisavljević entstand aus Gesprächen mit dem Kinderchor und einer sechsten Klasse der Brüder-Grimm-Grundschule im Wedding. Gesungen werden die Hauptfiguren von Solist*innen des Kinderchores. Ich sehe mich selbst in dem Projekt eher als eine Art Mediatorin. Ich orchestriere die unterschiedlichen Stimmen, um ihnen Gehör zu verschaffen. Ich will, dass sie fragil und zugänglich bleiben. Partizipation soll mehr sein als nur eine Phrase.

Maria Milisavljević, Autorin Der jungen Generation kann man nichts vormachen, die wissen es sowieso besser. Im Positiven wie im Problematischen. Darum geht es auch in IMMMERMEEEHR: Der Informationsüberschuss, die mediale Überforderung, aber auch die Selbstbestimmung. Zu Beginn der Workshop-Sessions habe ich den Kindern den Aufbau eines Drehbuchs erklärt. Der Begriff lag näher, als vom Opernlibretto zu sprechen, denn für viele der Schülerinnen und Schüler im Wedding wird es das erste Musiktheater sein, die sie in ihrem Leben sehen. Die Kinder orientierten sich in ihren Szenen an der Spannungskurve, die man aus Hollywood-Filmen kennt: Es muss zu jeder Figur eine Widersacherin oder einen Widersacher geben und einen Konflikt zwischen diesen. Im finalen Libretto sind diese Widersacher die Erwachsenen. Es muss eine Klimax geben und ungefähr in der Mitte ein retardierendes Moment. Das heißt, einen Augenblick, in dem man annimmt, die Gegner wären auf dem Weg zu gewinnen. Dann muss es eine Auflösung am Ende geben, ein kathartisches Moment, zum Beispiel ein Happy End. Die Kinder schreckten erstaunlicherweise nicht vor brutalen und expliziten Szenarien zurück. Mord und Suizid kamen in fast jedem Text vor. Im Falle von IMMMERMEEEHR ist die Message am Ende so ernüchternd wie optimistisch: »It’s okay to only be okay.«

Franziska Seeberg Es ist ein Credo für Ambiguitätstoleranz, Solidarität und Zivilcourage. Für die Vielschichtigkeit des Zusammenlebens in einer Gesellschaft, für Großzügigkeit und Zusammenhalten. Aber nicht auf so eine Kirchentags-Weise. Im Gegenteil, die Düsternis des Lebens soll einen Platz bekommen.

Maria Milisavljević Es war uns wichtig zu zeigen, dass jede Geschichte wichtig ist. Ich selbst bin in der falschen Gewissheit aufgewachsen, dass meine Perspektive ohnehin nicht gehört wird. Es gilt, dieses Narrativ zu verändern. Jedes Kind sollte die Chance haben, seine ganz eigene Story auf individuelle Weise erzählen zu dürfen. Zu erleben, dass einem zugehört wird, ist eine per se empowernde Erfahrung. Es fördert das Verantwortungsgefühl der heranwachsenden Individuen. Ich will im Theater sowohl Darsteller*innen als auch ein Publikum sehen, das die ganze Gesellschaft abbildet. Wir wollen keine beschönigte Version der Gegenwart zeigen, sondern ganz realistisch erzählen, dass es keine heile gibt: Zu jedem Licht, zu jeder Hoffnung gibt es auch eine Kehrseite, das Dunkle. Und das ist total in Ordnung – zumindest solange man zusammenhält und dabei radikal unterschiedlich sein darf.

Gordon Kampe, Komponist Auch in meiner Komposition gibt es den »Dunklen Chor« und den »Hellen Chor«. Es gibt heitere und fröhliche Figuren. Dafür gibt es jeweils spezifische vokale Ausdrucksweisen. Gesprochener Text unterscheidet sich von gesungenem Text: In der Oper kann man einzelne Worte musikalisch über viele Minuten ausweiten, ebenso wie man in der Rezitativ-Form viel Text in schnellem Tempo »loswerden« kann. Charaktere fallen einander ins Wort, es gibt Wiederholung und Variation. Der Text atmet beim Komponieren mit mir hin und her. Und später dann mit den Sängerinnen und Sängern.

Franziska Seeberg Mir ist vor allem das Dialogische wichtig. Sowohl mit Maria und Gordon als auch mit den jungen Darsteller*innen. Ich möchte mich in eine Situation bringen, in der ich von den Kindern mindestens ebenso viel lerne wie sie von mir. Man darf junge Menschen nicht unterschätzen, sondern sollte ihnen viel zutrauen. Manchmal sogar viel zumuten. Nicht sentimental, sondern ganz direkt. Es gibt eine Unmittelbarkeit in der Arbeit mit Kindern und Laien, die für das Publikum besonders berührend und mitreißend sein kann. Man schafft eine Zugänglichkeit, ohne dabei an Komplexität einzubüßen, zumindest wenn man buchstäblich den richtigen Ton trifft. Ohne Pathos, aber mit viel Gefühl und Humor. Und natürlich müssen die Darsteller*innen auch geschützt werden, gerade wenn sie mit ihren ganz eigenen Themen auf der Bühne stehen. Die Arbeit auf Augenhöhe funktioniert nur, wenn gegenseitiges Vertrauen gegeben ist. Ich bin in dieser Hinsicht sehr hoffnungsvoll: Christian Lindhorst hat so eine besondere Arbeitsweise mit dem Kinderchor, klar und direkt, aber zugewandt und begeisternd. Und, ganz wichtig: Ein bisschen Anarchie bleibt auch.

Christian Lindhorst, Kinderchorleiter Die Kinder sind ja in diesem Fall keine Laien, sondern auf ihre Art Bühnenprofis. Trotzdem: Es ist sehr ungewöhnlich, dass die Hauptfiguren in IMMMERMEEEHR von Kindern gesungen werden. Normalerweise sind die Kinderchorpartien sozusagen das Beiwerk neben den Arien der erwachsenen Sängerinnen und Sänger. Hier aber sind die Erwachsenen Nebenfiguren und die Protagonistinnen und Protagonisten mit 10 bis 13-Jährigen besetzt. Die Soli sind extra auf die spezifischen Kinderstimmen zugeschnitten, die Kinder kriegen für das Projekt Einzelstimmbildung.

Gordon Kampe Bevor ich mit der Komposition begonnen habe, habe ich Konzerte der Chöre besucht und mich mit dem Chorleiter getroffen. Gemeinsam haben wir überlegt, was musikalisch möglich ist. Das heißt, welchen Tonumfang die Kinder haben, welche Stimmfarbe. Und auch, wie man das Orchester während der solistischen Stellen so luftig spielen lassen kann, dass die Stimmen noch zu hören sind – und die Sängerinnen und Sänger sich dabei nicht verletzen. Ich will die Kinder weder über- noch unterfordern. Das ist keine Beschränkung. Im Gegenteil: Das ist der Rahmen, in dem meine kompositorische Freiheit entsteht.

Asal Ich bin gespannt zu hören, wie die anderen Kinder unsere Geschichten singen. Aber die Workshops waren insgesamt interessant. Ich habe über vieles nachgedacht und mich an Dinge erinnert. Zum Beispiel daran, wie Frau Schulte-Berge, unsere Lehrerin, mir auf der Klassenfahrt Fahrrad fahren beigebracht hat. Zuerst war ich ganz wackelig, aber dann habe ich so lange geübt, dass ich am letzten Tag eine ganz weite Strecke allein gefahren bin. Es war ein bisschen so wie am Wochenende im Kletterpark. Nuran und ich sind jetzt auf dem Gymnasium, aber manchmal kommen wir noch zurück in unsere alte Grundschule, um Frau Schulte-Berge zu besuchen.

Nuran Ich freue mich schon, meine alten Freundinnen aus der Grundschule wiederzusehen, wenn wir im November zusammen in die Oper gehen. Als ein Freund von uns seine Szene in dem Stück wiedererkannt hat, war er so überrascht, dass wir uns alle mit ihm gefreut haben. Mal sehen, ob es dann genauso ist

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