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König der Oper

Mit seinen Opern traf Giacomo Meyerbeer den Nerv einer Gesellschaft, die auf der Suche nach neuen Ideologien war. Ein Kurzessay von Jörg Königsdorf

Dinorah ou Le Pardon de Ploërmel (konzertant)
Komische Oper von Giacomo Meyerbeer
Musikalische Leitung: Enrique Mazzola
Mit Rocio Perez, Florian Sempey, Philippe Talbot u. a.
4., 7. März 2020

 

 

Les Huguenots
Grand Opéra von Giacomo Meyerbeer
Musikalische Leitung: Alexander Vedernikov
Inszenierung: David Alden
Mit Liv Redpath, Olesya Golovneva, Irene Roberts, Anton Rositskiy, Andrew Harris / Ante Jerkunica u. a.
2., 9. Februar; 1., 8. März 2020

 

 

Le Prophète
Grand Opéra von Giacomo Meyerbeer
Musikalische Leitung: Enrique Mazzola
Inszenierung: Olivier Py
Mit Gregory Kunde, Clémentine Margaine, Elena Tsallagova, Derek Welton, Gideon Poppe, Thomas Lehman, Seth Carico u. a.
23., 29. Februar; 6. März 2020

Man darf annehmen, dass der 16. April 1849 einer der glücklichsten Tage im Leben des Giacomo Meyerbeer war. Denn an diesem Abend hatte er es mit der Premiere seines PROPHETE endlich allen gezeigt: denjenigen, die das lange Warten auf eine neue Grand Opéra des Komponisten von LES HUGUENOTS kommentiert hatten mit Spekulationen über seine nachlassende Schaffenskraft, gern gewürzt mit antisemitischen Spöttereien. Aber auch denen, die sich Sorgen gemacht hatten, Meyerbeer würde durch seine Pflichten als Königlich Preußischer Generalmusikdirektor und das dauernde Umherreisen so in Anspruch genommen, dass ihm während der Überwachung seiner Neuproduktionen von LES HUGUENOTS und ROBERT LE DIABLE keine Zeit mehr für eine neue Oper bliebe.

Giacomo Meyerbeer auf einer zeitgenössischen Darstellung. Gefeiert und geschmäht: Schon zu Lebzeiten polarisierte Meyerbeer die Musikwelt © akg-images 
 

Doch all das war nun glänzend widerlegt. Mit einem Erfolg, der »ungeheuer und ohnegleichen« war, wie der kritische Kollege Hector Berlioz schrieb, hatte Meyerbeer die Erwartungen der Pariser Öffentlichkeit übertroffen. Der 22 Jahre jüngere Verdi sollte seine großen Meisterwerke erst noch schreiben, Richard Wagner machte vorderhand, wenn überhaupt, als flüchtiger Revolutionär von sich reden. Meyerbeer war der Komponist der Stunde, er war der absolute König der Oper. Die Pariser Nationalversammlung war an diesem Abend beschlussunfähig gewesen – weil kaum einer der Deputierten die Premiere an der Opéra verpassen wollte. Die Erwartungen waren hoch, hatte Meyerbeer doch 1836 mit seinen HUGUENOTS die Kunstform Oper auf neue Füße gestellt und das europaweit kopierte Modell der Grand Opéra geschaffen. Dort hatte er anhand der Erzählung des Massakers der Bartholomäusnacht gezeigt, dass Geschichte nicht nur eine austauschbare Folie für die Gefühlsergüsse großer Sänger liefern, sondern selbst Thema sein konnte. Das aufregend Neue an LES HUGUENOTS war, wie hier minutiös szenisch und musikalisch die Entwicklung einer historischen Katastrophe nachgezeichnet wurde, deren Ausbruch am Ende die Figuren der Oper wie eine große Flutwelle unter sich begräbt.

Nach diesem Welterfolg wollte das Publikum mehr solcher ergreifender Schicksale wie das des HUGUENOTS-Liebespaars Raoul und Valentine sehen und hören. Doch Meyerbeer ließ sie schlichtweg auf dem Trockenen sitzen – und nahm sich Zeit bei der Komposition eines neuen Opernstoffs. Wieder wählten Meyerbeer und sein Autor Eugène Scribe einen Stoff aus dem Jahrhundert der Reformation, doch diesmal aus völlig anderem Blickwinkel. Während die heimliche Hauptrolle in den HUGUENOTS der von Akt zu Akt radikaler und anonymer werdenden Volksmasse zufällt, geht es in LE PROPHETE um einen rechtschaffenen Gastwirt, der sich aus berechtigter Empörung über erlittene Willkür an die Spitze einer radikalen Sekte stellt – um am Ende zu erkennen, dass deren Strippenzieher genauso korrupt sind wie die Repräsentanten des alten Regimes. Ein Stoff, der bei der Uraufführung eine ungeahnte Aktualität erfuhr: So direkt wie kaum jemals eine Oper wurde LE PROPHETE von den Zeitgenossen als Kommentar auf die gerade gescheiterte Revolution von 1848 verstanden. Meyerbeer hatte sie in Paris miterlebt und unter ihrem Eindruck Teile des schon fertigen Werks verändert.

Blut spritzt, Säbel fallen: So sah der Zeitgenosse François Dubois das Massaker 1572. In nur einer Nacht wurden tausende Protestanten ermordet © akg-images 
 

Wie in den HUGUENOTS ist es allerdings auch im PROPHETE die Religion, die benutzt wird, Hass zu schüren, statt Versöhnung zu stiften. Ein Missbrauch, der Meyerbeer auch in seiner letzten Grand Opéra VASCO DA GAMA noch beschäftigen sollte. Wie ein roter Faden zieht sich das Thema durch sein Werk – und durch sein Leben. Trotz aller Erfolge blieb ihm als Jude sein Außenseitertum bewusst. Was die Lenkbarkeit der Massen und die Fähigkeit der Menschen anbelangt, aus der Geschichte zu lernen, ist das Fazit von Meyerbeers Opern jedenfalls bedrückend resignativ. Und vermutlich aktueller denn je.