Der Maestro macht Kino zu Oper

Pasolinis Film TEOREMA erzählt vom Zerfall einer bürgerlichen Familie. Der Komponist Giorgio Battistelli bringt das Drama auf die Opernbühne

Es gibt sie selbst in der hektischen Weltmetropole noch, die romantischen Gassen, in denen grüne Blätter orangefarbene Häuserwände hochranken. In genau so einer Straße im Viertel Trastevere liegt das Atelier des italienischen Komponisten Giorgio Battistelli. Auf dem Kopfsteinpflaster stehen Pflanzenkübel, Autos passen hier sowieso nicht durch. Battistellis Denkstube, die er Pensatoio nennt, liegt im dritten Stock. Leichtfüßig steigt der 68-Jährige die flachen Stufen hinauf. Er bittet ins lichtdurchflutete Studio, dessen Fenster weit geöffnet sind. Der große Raum erinnert an ein Theater. Die Möbel sind aus dunklem Holz, überall findet sich Bühnenvorhangrot: Der Samt auf den Sesseln, die Notenhefte auf dem Tisch, Battistellis Socken und sogar sein iPhone leuchten tiefrot.

Ansonsten ist der Maestro in gedeckten Farben gekleidet, die seine weißen Locken unterstreichen. Er trägt eine schwarzumrahmte Brille und einen goldenen Siegelring an der rechten Hand. Die Partituren im Regal tragen seinen Namen auf dem Rücken, viele haben deutsche Titel. „Die Entdeckung der Langsamkeit“ etwa, und „Auf den Marmorklippen“.

„Deutschland ist meine künstlerische Heimat“, eröffnet Battistelli das Gespräch. Er spricht langsam, wählt seine Worte genau. „Denn meine wichtigsten Arbeiten sind dort geboren.“ Angefangen bei „Experimentum Mundi“, das Battistelli 1980 in der Akademie der Künste in Berlin vorstellte. Das Musiktheaterstück, dessen Klangwelt die Alltagsgeräusche von sechzehn Handwerkern integriert, wurde ein Welterfolg in der Szene der Neuen Musik und das Fundament seiner internationalen Karriere. Nach Stationen als künstlerischer Leiter am Teatro dell’Opera di Roma und der Biennale di Venezia ist Battistelli heute künstlerischer Leiter des Haydn Orchester von Bozen und Trient.

Battistellis Karriere führt ihn früh nach Deutschland: Bereits 1975 besucht er Seminare bei Karlheinz Stockhausen und Mauricio Kagel in Köln, 1985 verbringt er ein Jahr in Westberlin. Seitdem werden seine Werke unter anderem am Theater Bremen, dem Nationaltheater Mannheim und der Staatsoper Hannover aufgeführt. „Ich muss regelmäßig nach Deutschland zurückkehren, sonst fehlt mir etwas“, erklärt Battistelli. „Für mich ist es heute im Bereich der Opernmusik das demokratischste Land Europas, weil hier Avantgarde und Tradition koexistieren.“

Giorgio Battistelli
 

So wie auch in der Deutschen Oper Berlin, wo nun Battistellis Oper IL TEOREMA DI PASOLINI aufgeführt wird. Die Idee, dem italienischen Regisseur und Autoren Pier Paolo Pasolini in seinem 100. Geburtsjahr zu gedenken, kam Battistelli und Dietmar Schwarz, dem Intendanten der Deutschen Oper Berlin, schon 2019 beim Abendessen nahe der Piazza Navona. Die Werkwahl für die Hommage fiel einfach, denn Battistelli ist Pasolini über TEOREMA besonders verbunden: Als gerade Achtzehnjähriger traf er den Filmemacher 1971 bei einer Vorstellung des gleichnamigen Romans, den dieser nach dem 1968 veröffentlichen Film geschrieben hatte. Eine Begegnung, die bei dem angehenden Komponisten einen bleibenden Eindruck hinterließ.

In TEOREMA geht es um eine Mailänder Industriellenfamilie, deren Leben vom Besuch eines mysteriösen Gastes völlig auf den Kopf gestellt wird. Pasolini zeigt eine Familie, die zwar im gleichen Haus und doch aneinander vorbei lebt. Die Protagonisten wirken sprachlos, die Kommunikation miteinander scheitert – bis schließlich der schöne, junge Fremde eintrifft und ein Familienmitglied nach dem anderen verführt. Am Ende gibt es kein Zurück in das alte großbürgerliche Leben.

Bei der damaligen Begegnung fragte der junge Battistelli sein Idol Pasolini unter dem Eindruck der politisch bewegten Jahre in Italien, ob der Gast in TEOREMA ein Kommunist sei. Pasolini antwortete ihm mit einem leichten Lächeln: „Sieh‘ ihn eher als einen Engel der Vernichtung, einen Würgeengel.“ Es habe Jahrzehnte gedauert, bis er diese Antwort verstanden habe, berichtet Battistelli. Doch umso mehr zieht ihn das Werk bis heute in seinen Bann.

„Die zwei zentralen Themen sind immer noch relevant“, sagt er: „Die Frage nach der Rolle der Familie und danach, wie wir mit dem Fremden umgehen – in Teorema verkörpert durch den Gast.“

Battistelli kennt dieses Gefühl, als Außenstehender das Bekannte in Frage zu stellen. Und er hat Gefallen daran gefunden. Gewissermaßen ist er selbst der Gast in Deutschland. „Wenn das Publikum eine meiner Opern verlässt, hoffe ich, eine Frage gestellt und keine Antwort gegeben zu haben. Denn der Zweifel ist der beste Antrieb. Ein Dynamo, der dir die Energie gibt, dich stets selbst zu hinterfragen.“

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