Was mich bewegt

Ein Italiener in Paris

Verdi ist das Genie der italienischen Oper, als er nach Paris kommt. Die Entstehung von LES VEPRES SICILIENNES jedoch wird zum Kleinkrieg zwischen ihm und seinem stolzen Librettisten. Die Oper ist ein Meisterwerk ... Ein Essay von Jörg Königsdorf

Am 3. Januar 1855 erhielt François-Louis Crosnier, frisch gebackener Direktor der Pariser Opéra, einen Brief, der ihn in Aufregung versetzt haben dürfte. In dem Schreiben erhob Giuseppe Verdi, Komponist der anstehenden Uraufführung von LES VÊPRES SICILIENNES schwere Vorwürfe gegen seinen Textdichter Eugène Scribe sowie die Bedingungen am Haus, und bittet mitten in den Proben um Auflösung seines Vertrags, da unter diesen Umständen »kein Erfolg möglich« sei.

Man rauft sich bald zusammen, bringt das Werk zur erfolgreichen Premiere, doch der Brief zeigt, wie falsch Verdi bei seiner ersten Arbeit für die Opéra lag, was ihn in Paris erwartet. Dabei war der Schritt plausibel: Seit Werken wie RIGOLETTO und IL TROVATORE ist Verdi konkurrenzlos wichtigster italienischer Opernkomponist seiner Zeit. Was liegt näher, als den Königsweg weiterzugehen und Paris zu erobern, wo zuvor schon Rossini und Donizetti reüssierten? Die Pariser Opéra ist im 19. Jahrhundert das, was Hollywood heute für Filmregisseure ist: Ort der unbegrenzten Möglichkeiten. Gigantische Ausstattungsetats, das beste Orchester der Welt, Sänger von Weltrang, hier lassen sich Visionen verwirklichen, die woanders nie umsetzbar wären. Und was hier geht, hatte zuvor vor allem Giacomo Meyerbeer gezeigt, dessen spektakuläre Grands Opéras wie LES HUGUENOTS und LE PROPHÈTÈ weltweit bestaunt wurden und Paris als Opernhauptstadt bestätigt hatten.

Doch Paris lockt Verdi noch aus anderem Grund: Bei seinem ersten längeren Besuch 1847 hat er nicht nur die Opernszene der Stadt kennengelernt, sondern auch die Sängerin Giuseppina Strepponi. Mit ihr lebt er seitdem in wilder Ehe, ein Arrangement, das im katholischen Italien nicht goutiert wird. Das wäre in Paris, wo solche Beziehungen quasi zum guten Ton gehörten, anders. Ein Auftrag der Opéra würde dem Paar eine neue Zukunft öffnen.

Und tatsächlich bietet ihm die Opéra die praktisch besten Voraussetzungen: Sie stellt Verdi mit Eugène Scribe den berühmtesten Operntexter seiner Zeit zur Seite. Scribe hat schon die Libretti für Meyerbeer geliefert und gutes Gespür bewiesen, historische Stoffe politisch aufzuladen. Die beiden einigen sich auf die Sizilianische Vesper, ein Massaker der Sizilianer an ihren französischen Besatzern im Jahre 1282, das auf die parallel stattfindende Expansion des Zweiten Kaiserreichs in Algerien gemünzt werden kann.

Doch erst verschwindet die Primadonna spurlos – der Premierentermin muss verschoben werden. Dann muss Verdi erkennen, wie weit seine Vorstellung von Musiktheater von dem abweicht, was an der Opéra gefordert ist. Während er in Italien seine Librettisten so lange quälte, bis er seine Ideen verwirklicht sah, stößt er mit Scribe auf einen Autor, der auf seinen eigenen Bauprinzipien für ein gutes Stück beharrt und sie als erfolgreichster französischer Bühnenautor durchzusetzen weiß. Hier prallen Welten aufeinander.

Der Mann, der Verdi die Stirn bietet: Eugène Scribe, erfolgreichster Bühnenautor in Paris, beharrt auf seinen Ideen, was eine gute Story ausmacht © AKG images
 

Scribes Libretto entwickelt klar und stringent die klassische Geschichte eines tragischen Liebespaars. Verdis dramaturgische Ideen beruhen auf dem Überraschungsprinzip: In Werken wie RIGOLETTO und IL TROVATORE hatte er Szenen vertont, die auf dem Papier absurd wirken, aber durch die fesselnde Charakterzeichnung der Figuren auf der Bühne Überzeugungskraft erhalten. In LES VÊPRES SICILIENNES ist dafür kein Raum – und Scribe ist auch nicht dazu bereit, diesen Raum zu schaffen. Denn ein unglaubwürdiges Libretto würde natürlich ihm angelastet.

So ist LES VÊPRES SICILIENNES schließlich die unverdihafteste aller Verdi-Opern geworden und wird deshalb lange im Schatten seiner übrigen Meisterwerke stehen. Zu Unrecht, denn was das Werk spannend macht, ist gerade diese Reibung zweier unterschiedlicher Theatermodelle: Auf der einen Seite der Blockbuster »Grand Opéra« mit seinen opulenten Massenszenen, aber eher schlichten Charakterprofilen, auf der anderen Seite der Kammerspielpsychologe Verdi, dem es um die Dramen der Seele geht.

Und obwohl die VÊPRES SICILIENNES am Ende ein Erfolg werden, hat Verdi seine Lektion gelernt und kehrt Paris erstmal den Rücken. Und wird bald darauf Giuseppina Strepponi heiraten.

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