Aus dem Programmheft

Ein rastloses Leben

Gedanken zu Erich Wolfgang Korngold … Ein Essay von Thomas Jonigk

Die Biografie Erich Wolfgang Korngolds [1897–1957] ist in jeder Hinsicht außerordentlich. Man könnte auch sagen, dass sie durch Extreme, unvorhersehbare Wendungen, beständige Neuanfänge bzw. -erfindungen und Paradigmenwechsel gekennzeichnet ist; in der historischen Rückschau muss sie mit voller Bewunderung sogar als unkonventionell bzw. in ihrer Komplexität und Multivalenz als modern bezeichnet werden: Welcher andere Vertreter ernster Musik außer Korngold kann schon für sich beanspruchen, als Opernkomponist ebenso einzigartig, bedeutend und prägend gewesen zu sein wie als Komponist von Filmmusik? An der Wiener Hofoper, der Hamburgischen Staatsoper, aber auch in Hollywood gefeiert worden zu sein? Für Lotte Lehmann, Maria Jeritza und Joseph Schmidt, aber auch für Bette Davis, Errol Flynn oder Olivia de Havilland gearbeitet zu haben? Mit Bruno Walter, Artur Schnabel und Wilhelm Furtwängler ebenso wie mit Max Reinhardt, Michael Curtiz oder William Dieterle? Neben Richard Strauss der meistgespielte Komponist Deutschlands und Österreichs gewesen zu sein und 1937 und 1939 zwei Oscars für seine Filmmusiken zu „Anthony Adverse“ und „The Adventures of Robin Hood“ gewonnen zu haben? Bis heute auf den Spielplänen der Opernhäuser vertreten zu sein – hier vor allem mit DIE TOTE STADT – und einen nicht zu leugnenden Einfluss auf zeitgenössische Giganten der Filmmusik wie John Williams, Howard Shore, Danny Elfman oder Hans Zimmer ausgeübt zu haben?

Im Europa vor dem Zweiten Weltkrieg war Erich Wolfgang Korngold ein „Big Name“, in den USA ist er es bis heute. Berühmt wurde er dort aufgrund seiner Oper THE DEAD CITY, aber sein Ruhm festigte sich vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Filmkomponist. Zeit seines Lebens in den Vereinigten Staaten wurde der berühmte Österreicher von Journalisten und Studiobossen mit besonderer Aufmerksamkeit und Privilegien bedacht, zum Beispiel erlaubte es ihm sein Vertrag bei Warner Brothers, nicht mehr als zwei Spielfilme innerhalb eines Jahres zu vertonen, während seine Kollegen sich im selben Zeitraum bis zu zwölf Werken zu stellen hatten. Auch inhaltlich war er innovativ und erarbeitete sich viele Freiräume, unter anderem bestand er auf einem eigenen Vorführraum inklusive Piano und entschied – während er den jeweiligen Film ansah – welche Passagen mit Musik untermalt werden sollten und welche nicht. In dem Film „Anthony Adverse“ verwendet er zweiundvierzig Leitmotive und vertont die ersten fünfundzwanzig Minuten des Liebesfilmes komplett. Zudem greift er mit seiner Musik oft interpretierend in das Handlungsgeschehen ein und erhöht das Genre der Filmmusik damit von dekorativer Untermalung hinauf zur eigenständigen, vitalen, oft auch widerspenstigen Kunstform. Das blieb nicht unbemerkt: Tatsächlich erhält Korngold für „Anthony Adverse“ – zu Deutsch: „Ein rastloses Leben“ – seinen ersten Academy Award. Da dieser aber dem Vorsitzenden der Musikabteilung von Warner Brothers verliehen wurde, kam der zu Recht verärgerte Korngold nicht in den Genuss der offiziellen Preisverleihung. Kleine Anmerkung am Rande: In Deutschland kam der mit vier Oscars dekorierte Spielfilm nie in die Kinos. Die deutsche Erstaufführung war am 1. November 1992 im Zweiten Deutschen Fernsehen und dokumentiert den ebenso verantwortungslosen wie zynischen Umgang mit dem kulturellen Schaffen deutschsprachiger Emigranten im deutschsprachigen Raum.

Im Sommer 1937 verließ Korngold Hollywood bzw. Los Angeles, um seiner Oper DIE KATHRIN volle Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die für die folgende Spielzeit an der Wiener Staatsoper programmiert war. DIE KATHRIN hatte ursprünglich die alle Grenzen überwindende Liebesgeschichte einer Deutschen mit einem französischen Soldaten erzählt. Nachdem der Text aber auf politischen Widerstand gestoßen war und Schott die entstehende Oper 1932 abgelehnt hatte, versuchte Korngold, das Libretto zu entschärfen, unter anderem, indem aus der Deutschen eine Schweizerin machte und die Handlung nach Frankreich verlegt wurde. Natürlich fügte er dem Werk damit massiven, irreparablen Schaden zu. Jetzt, 1937, hatte Korngold seine fünfte und letzte Oper endlich zu Ende komponiert und fieberte einer szenischen Umsetzung entgegen. Aber die im März 1938 in Wien angesetzte Uraufführung kam nicht zustande – DIE KATHRIN wurde nach dem „Anschluss“ an das nationalsozialistische Deutsche Reich am 13. März 1938 wegen Korngolds jüdischer Abstammung untersagt. Kein Wunder also, dass es für Warner Brothers ein Leichtes war, Korngold für diverse, gutbezahlte Filmprojekte wieder an sich zu binden. Der Komponist reiste Richtung Westen ab – nur wenige Wochen, bevor Hitler und seine Truppen in Österreich einmarschierten.

Dieses Leben zwischen Österreich und Hollywood, dieses Wirken zwischen Opernbühne und Filmstudio kann durch die Brille des eklektizistischen Weltbürgers als beeindruckende Synthese von verschiedenen Kunstgenres und Kulturkreisen gelesen werden – und als seiner Zeit vorauseilender biographischer Prototyp, der direkt auf das 21. Jahrhundert verweist, auf diese Flexibilität, Entwurzelung, Identitäts-, Wohnort- und Berufswechsel einfordernde, in jeder Hinsicht dehn- und interpretierbare, globalisierte Gegenwart, in der Wandlungsfähigkeit zum Überleben ebenso notwendig ist wie Anpassungsfähigkeit. Dennoch: Korngolds Biografie als Gebrauchsanweisung für eine sich in Auflösung bzw. Veränderung befindliche Gesellschaft zu lesen, ist gleichermaßen möglich wie fragwürdig.

Zunächst einmal können die Entscheidungen des am 29. Mai 1897 in Brünn als Sohn des jüdischen Musikkritikers Julius Korngold geborenen „musikalischen Wunderkindes“ nur bedingt freiwillig genannt werden. Der Faschismus bzw. Austrofaschismus zwang Korngold, Österreich zu verlassen, die dauerhafte Fixierung auf die „Traumfabrik Hollywood“ hatte auch damit zu tun, dass es dem Emigranten nach dem Zweiten Weltkrieg – wie so vielen Opfern des Nationalsozialismus – nicht mehr gelang, in Europa Fuß zu fassen. Er, der sich selbst immer als Vertreter der Moderne verstanden hatte, galt als veraltet, konventionell und nicht mehr zeitgemäß, bereits seine spätromantische Oper DAS WUNDER DER HELIANE schien der Kritik weit hinter der damaligen Avantgarde zurückzubleiben und erhielt bereits nach der Uraufführung am 7. Oktober 1927 unter dem Dirigenten Egon Pollak an der Hamburgischen Staatsoper überwiegend ratlose, herablassende bis vernichtende Besprechungen. Auch beim Publikum kam das Werk nicht an, woran mit großer Wahrscheinlichkeit das mit Pathos getränkte, enigmatische und schwärmerisch metaphysische Libretto von Hans Müller-Einigen, basierend auf „Die Heilige“ von Hans Kaltneker, nicht unschuldig war. Nach einer szenischen Aufführung unter Bruno Walter an der Berliner Städtischen Oper im Jahr 1928 geriet DAS WUNDER DER HELIANE für lange Zeit in Vergessenheit. Und Korngold folgte ein paar Jahre später – nämlich 1934 – einer Einladung Max Reinhardts nach Hollywood, um für dessen Film „A Midsummer Night’s Dream“ die Filmmusik auf Grundlage von Felix Mendelssohn Bartholdys Schauspielmusik zu arrangieren. Eine ebenso mutige wie folgenreiche Entscheidung.

Bei aller Plastizität seines biografischen Reichtums ist Korngolds Leben das eines Emigranten. Er ist – ebenso wie Arnold Schönberg, Alexander von Zemlinsky oder Berthold Goldschmidt –Opfer eines totalitären, politischen Systems und wurde somit als Künstler in der Ausübung seiner Berufung, seiner Überzeugungen und deren musikalischen Ausformungen eingeschränkt und zensiert. Viele Künstler aus den Bereichen Musik, Theater, Literatur und bildender Kunst sind daran gescheitert und zugrunde gegangen. Die kulturelle, sprachliche bzw. soziale Entwurzelung, die permanente, generelle Lebensbedrohung sowie intellektuelle und künstlerische Demütigung hat nicht selten in Depression, vermindertem Selbstwert, künstlerischer Impotenz, Misserfolg oder Selbstmord gemündet.

Joseph Roth, Heinrich Mann, Klaus Mann, Friedrich Hollaender, Béla Bartók, Emmerich Kálmán – das sind nur einige Beispiele aus der Menge derer, die aus ihrem selbstbestimmten künstlerischen Leben vertrieben wurden. Und auch der niemals unterbrochene Erfolg solcher Exilanten wie Thomas Mann oder Lion Feuchtwanger kann nicht über die Beschädigung und Erniedrigung hinwegtäuschen, die diese erfahren mussten. Selbst vor einem weltweit erfolgreichen und finanziell abgesicherten Schriftsteller wie Stefan Zweig machte die Zerstörung nicht Halt. Er hatte sich vor den Nazis nach Südamerika retten können, wo er sich aber heimatlos fühlte und gemeinsam mit seiner Frau in den Freitod ging. Hinterlassen sind folgende Zeilen: „Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.“

Glück, Ehrgeiz, Zielstrebigkeit, ein im Sinne von ausgleichender Gerechtigkeit waltendes Schicksal – wir wissen nicht, weshalb Korngold es geschafft hat, im Exil zu überleben und seine Produktivkräfte zu schützen. Wir wissen ebenfalls nicht, wie er sich als Überlebender im Exil gefühlt hat. Ob als einer, der „Between Two Worlds“ lebte, um den Titel eines von ihm vertonten Filmes aus dem Jahr 1944 zu zitieren, ob als Opfer der Nazis, als verkannter klassischer Komponist oder als ein Hochbegabter, der Zeit seines Lebens die Bürde, ein Wunderkind gewesen zu sein, nicht abschütteln konnte: Allesamt Vermutungen bzw. Unterstellungen aus dem Graubereich von Hypothese und Spekulation. Umso angemessener ist es, dass Korngold – im Gegensatz zu unzähligen Künstlern, die von den Nazis verfolgt wurden, nie wieder adäquate Arbeitsmöglichkeiten erhielten und unweigerlich in Vergessenheit gerieten – seit den 1970er Jahren eine Renaissance erlebt hat. Natürlich: Sein musikalisches Œuvre hätte einen zentraleren Platz in den Spielplänen der Konzertsäle und Opernhäuser verdient – aber dieser kann noch immer geschaffen werden. Seine „Lieder des Abschieds“ oder die „Shakespeare Songs“ [Opus 31], VIOLANTA, DER RING DES POLYKRATES, DIE TOTE STADT und DAS WUNDER DER HELIANE, das sind im besten Sinne eigenartige, ganz unverwechselbare Werke, die wir uns nicht entgehen lassen dürfen. Voll von Überschwang, Sehnsucht, Metaphysik und kompositorischer Brillanz. Intellektuelle, emotionale und musikalische Herausforderungen, von den Nationalsozialisten als „entartet“ bezeichnete Musik, die weit über das kalkulierbare Mittelmaß des alltäglichen Standards hinausgeht.

„Ich bin! Ich blüh! Mein Körper jauchzt: Dasein! Leben!“ singt der Fremde und dass das Opus Korngold blüht und am Leben bleibt, dass es sich den Kulturkreis dauerhaft zurückerobern kann, aus dem es vertrieben wurde: Das ist unsere Aufgabe. Und unsere Verantwortung. Wir sollten in der Lage sein, uns dieses Privilegs zu stellen.

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