Aus Libretto #6 (2023/24)

Irene Roberts – Mein Seelenort … Der Grunewald

Irene Roberts liebt es, sich im Grunewald auf dem Rennrad zu verausgaben. Ihr Sport hat mehr mit Kundry in PARSIFAL zu tun, als es scheint

Mein Seelenort ist der Grunewald. Ich habe einen wunderbaren Radrundweg entdeckt, der parallel zur AVUS verläuft, sich entlang der Havelchaussee windet, Kurven macht, immer wieder bergauf und abwärts führt. Ideal für mich als passionierte Rennradfahrerin. Ich liebe die Geschwindigkeit, ich liebe das Gefühl von Freiheit, ich liebe die Natur – und diesen gewissen Risikofaktor. Fast alle Künstler, die ich kenne, brauchen den Adrenalinkick, wir sind abhängig von Endorphinen, die während eines Auftritts ausgeschüttet werden. Wobei ich mir bergab nicht mehr als 36 Meilen pro Stunde erlaube (58 km/h). Ich könnte natürlich mühelos schneller fahren, auch die Angst hielte mich nicht zurück. Aber es wäre unverantwortlich! Ich kann es mir nicht erlauben, als Mutter auszufallen oder wegen eines Unfalls eine Vorstellung am Abend abzusagen. 

Ich fahre ein altes Fuji-Rennrad, das etliche Meilen auf den Felgen hat. Aber es kommt nicht infrage, auf ein leichteres, schickeres Modell umzusteigen. Dieses Rad habe ich mir von meiner ersten Gage als Sängerin gekauft, nach einem Auftritt als Rosina in Rossinis IL BARBIERE DI SIVIGLIA mit einer kleinen Company in Nordkalifornien. Es hat mich kreuz und quer durch die USA begleitet, auch nach New York, wo der Rundweg um den Central Park meine Stammstrecke war; das konnte stressig werden wegen der Touristen und Pferdekutschen. Als ich nach Berlin gezogen bin, habe ich mein Fuji natürlich mit verschiffen lassen. 

Meine Liebe zum Rennradfahren ist familiär bedingt, mein Vater und meine Brüder haben mich angesteckt. Sie waren es auch, die mich zu meinem ersten »century ride« inspiriert haben, im kalifornischen Napa Valley: eine 100 Meilen lange Radtour, bei der es nicht um Schnelligkeit oder Wettbewerb geht, sondern um Durchhaltevermögen. Man muss körperlich und mental durchziehen, die eigenen Widerstände überwinden, fokussiert bleiben. Genau das Gleiche gilt für Wagner-Opern. Sie sind eine Reise voller Herausforderungen, die Durchhaltevermögen verlangt. 

Rausch der Geschwindigkeit: Die Mezzosopranistin sucht den Kick, wenn sie mit ihrem Fuji-Bike durch die Natur kurvt © Max Zerrahn
 

Drei Jahren studiere ich die Kundry in PARSIFAL nun für meinen Auftritt in Berlin. Trotzdem beginne ich erst, die Wagner-Welt kennenzulernen, ihre Tiefe, Dunkelheit, die Fantasie, das Mysterium. Alles ist mit Bedeutung aufgeladen. Mich erinnert das an diesen besonderen, fast heiligen Ton, der mitschwingt, wenn die Menschen in Deutschland über den Wald sprechen. Als ich hierherkam, habe ich das erst nicht verstanden. Wir haben in den USA auch großartige Natur. Aber dort ist ein Ausflug in den Wald nicht derart verbunden mit Reinigung und Ritual, mit dem Wunsch nach Erneuerung des Geistes. Wenn ich heute durch den Grunewald fahre, kann ich das nachvollziehen. Ich blende für zweieinhalb Stunden die Sorgen und ToDo-Listen des Alltags aus, konzentriere mich nur auf meine Atmung, die Kraft in meinen Beinen. 

Kraft ist das Attribut, das Kundry für mich am besten beschreibt. Natürlich entstammt sie als Figur dem 19. Jahrhundert und wirkt heute anders als zu Wagners Zeit. Damals wird man sie als widerständig, sogar wild gelesen haben, als Frau mit freiem Willen. So sehe ich sie nicht. Denn sie hat ja keine freie Wahl, sie sehnt sich lediglich danach – und kämpft dafür mit allen Mitteln. 

Es schadet sicher nicht, wenn eine Regie den Werken Wagners heute ein wenig Feminismus einimpft, das gilt für sämtliche seiner Opern, abgesehen vielleicht von der WALKÜRE. Aber ich halte sein Frauenbild nicht für beleidigend. Ich bin kein konservativer Mensch, und doch finde ich es wertvoll, eine Geschichte so zu erzählen, wie sie geschrieben wurde. Der Text ist verwoben mit der Musik, alle Gefühle, die im Gesang zum Ausdruck kommen, liegen in den Worten. 

Kundry leidet, sie trägt Schuld und sehnt sich nach Erlösung. Im Grunde ist ihr Antrieb die pure Verzweiflung. Egal ob sie versucht, Parsifal zu verführen, oder sich Klingsors Befehlen widersetzt. Sie investiert all ihre Energie in die Suche nach einem Ausweg, ihre einzige Wahl scheint zu sein, bei allem immer einhundert Prozent zu geben, bis zum Äußersten zu gehen. Ich kann das nachvollziehen, auch wenn ich persönlich nicht zur Verzweiflung neige. Aber wenn es darum geht, hundert Prozent von sich selbst zu geben, muss ich an meinen Sport denken. Daran, wie das Rennradfahren ein Teil von mir geworden ist. Und wie sehr ich den Thrill liebe, der mich dabei begleitet.

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