Matthew Newlin – Mein Seelenort: Das Tempelhofer Feld in Berlin - Deutsche Oper Berlin

Matthew Newlin – Mein Seelenort: Das Tempelhofer Feld in Berlin

Matthew Newlin ist aus einer Kleinstadt in den USA in die Welt aufgebrochen: ein Reisender. Das verbindet ihn mit Wagners Siegmund

Mein Seelenort ist das Tempelhofer Feld, es steht für ein Gefühl, den Transitzustand, in dem ich mich bewege: das permanente Dazwischen. Zwischen Engagements, Ländern und Städten. Ich bin stets auf Reisen, lerne neue Menschen kennen, entdecke neue Musik. Das ist nun meine Komfortzone, beim Unterwegssein kommt meine Seele zur Ruhe.

Schon als Junge träumte ich davon, die Welt zu sehen. Aber ich hätte mir nie vorstellen können, eines Tages als Opernsänger nach Europa zu gehen, in Berlin zu leben. Ich wuchs in Georgetown auf, einer Kleinstadt im Bundesstaat Illinois. Meiner Familie gehörte ein Stück Ackerland, wir waren Farmer. Für einen Small Town Boy wie mich öffnete sich das Fenster zur Welt vor allem durch Filme und Serien, die ich mit meiner Großmutter schaute.

Ihr Haus lag außerhalb der Stadt, ich verbrachte dort viel Zeit, es war der Seelenort meiner Kindheit. Zu dem Haus führte ein schmaler Fußweg aus Steinplatten. Wie die Piste eines Flughafens. Die erste Startbahn meines Lebens. Ich denke jedes Mal an diesen Pfad, wenn ich auf dem Tempelhofer Feld in Berlin bin. Einer meiner absoluten Lieblingsplätze! Ein guter Ort für erste Dates. Oder um einfach ganz bei mir zu sein.

Wenn ich über das stillgelegte Rollfeld spaziere, steigen Erinnerungen in mir auf. Die Piste ist wie ein Portal, durch das ich in meine Kindheit blicke. Wie oft bin ich über den steinernen Weg zum Haus meiner Großmutter gegangen. Jedes Mal kam mir ihr Hund entgegen, warf sich auf den Rücken, um gekrault zu werden. Eine fiese Katze lauerte im Gebüsch, um mich anzuspringen. Ein Topf voller Nudeln wartete auf dem Herd, nach dem Essen übte ich Klavier. Damals war ich Kirchenmusiker in unserer kleinen Gemeinde. Das gefiel meiner Großmutter. Sie stammte aus Polen und war eine sehr religiöse Frau.

Bis zum Studium kam ich nie mit Oper in Berührung. Dass ich überhaupt studierte, war keine Selbstverständlichkeit. Meine Schwester, meine Cousins und ich gehörten zur ersten Generation der Familie, die von zuhause wegging. Eigentlich wollte ich an der Southern Illinois University einen Abschluss in Piano machen. Aber ich war nicht gut genug, mir fehlte die klassische Technik. Der Dozent schlug mir vor, stattdessen in den Chor einzutreten, ich hätte eine schöne Stimme. So fing meine Karriere als Sänger an.

Als Stipendiat kam ich 2013 an die Deutsche Oper Berlin. Bis zum Ende der Saison 2023/2024 war ich festes Ensemblemitglied, seitdem bin ich als Freiberufler unterwegs. Ich habe so viele prägende Momente in Berlin erlebt! Auch meinen ersten Wagner sang ich hier: den Steuermann im FLIEGENDEN HOLLÄNDER, 2017 in der Regie von Christian Spuck. Eine kleine Rolle, aber mit einer schönen Arie zu Beginn.

Kaputter Asphalt, trockenes Gras, Weite und Himmel: Das Tempelhofer Feld erinnert den Tenor an den Garten seiner Großmutter, wo er einen Teil seiner Kindheit verbrachte © Nancy Jesse

Damals dachte ich, ich hätte Wagner durchdrungen. Das war eine Täuschung. Erst mit der Zeit entdeckte ich wichtige Details. Zum Beispiel, dass Lautstärke nicht alles ist. Ja, Wagner verlangt Kraft in der Stimme. Aber er hat so fein komponiert. Das Orchester lässt den Sängerinnen und Sängern auch genügend Raum, ohne dass sie sich verausgaben müssen.

Als Künstler nähere ich mich den Rollen über Gemeinsamkeiten zwischen mir und der Figur. Bei Siegmund aus Wagners WALKÜRE bin ich noch auf der Suche. Er ist ein heroischer Typ, strotzt vor maskuliner Energie. Das unterscheidet uns. Aber auch Siegmund befindet sich in einem Zwischenzustand: Er ist zugleich ein Flüchtender und ein Suchender. Er sucht nach Liebe und Verständnis, muss zu Beginn aber seinen Verfolgern entkommen. Zuflucht findet er im Haus von Hunding. Vielleicht ist das meine Startbahn?

Das Haus meiner Großmutter existiert inzwischen nicht mehr. Es brannte kurz nach ihrem Tod vollständig nieder. Das ist rund 20 Jahre her. Aber den Fußweg gibt es noch. Während auf dem Gelände längst alles verwildert ist, liegen die Steinplatten nach wie vor frei. Sooft es mich nach Georgetown verschlägt, fahre ich dorthin. Ich schwelge in Erinnerungen, weine für eine Weile. Aber auf eine reinigende Art. Es tut immer gut, sich darauf zu besinnen, woher man kommt. Bevor man sich wieder auf den Weg macht.

 

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