Aus Libretto #2 (2022)

Attilio Glaser … Mein Seelenort: Das Spontan Coffee in Berlin Moabit

In einem Berliner Café findet Attilio Glaser Ruhe. Bei moderater Hintergrundmusik und hervorragendem Kaffee bereitet sich der Tenor vor – auf eine Spielzeit mit Verdi, Wagner und Mozart

Mein Seelenort ist das Spontan Coffee in Berlin Moabit. Als ich vor sieben Jahren nach Berlin kam, hat es mir mein australischer Freund und Sängerkollege Derek Welton erstmals gezeigt, und seitdem komme ich immer wieder hierher, manchmal mit Freunden, aber meist alleine. Wenn man den kleinen Laden durch die Tür neben der verglasten Front betritt, steht man im Prinzip direkt an der Theke, um den ersten Kaffee zu bestellen – und der ist wirklich exzellent.

Mir ist klar, dass Puristen nun die Nase rümpfen, aber hier bestellt man nicht einfach nur einen Americano oder Espresso. Man wird zusätzlich gefragt, ob man ihn eher fruchtig-süß oder nussig-schokoladig möchte. Gemeint sind damit Bohnen aus unterschiedlichen Anbaugebieten und verschiedene Röstungen. Seit einiger Zeit sind helle Kaffeeröstungen, sogenannte Light Roasts, ein absoluter Trend; sie schmecken fruchtiger, weniger stark, mehr nach der eigentlichen Bohne. Wenn man so über ein Lebensmittel redet, das nicht Wein ist, wirkt es auf manche ja schnell ein wenig abgehoben. Dabei kann man genau wie bei Wein auch beim Kaffee nach Geschmacksnoten suchen, ohne gleich ein großer Experte sein zu wollen oder in Snobismus zu verfallen. Ich mag es einfach, immer wieder Neues zu probieren und nach und nach herauszufinden, was mir in welchen Situationen am besten schmeckt.

Attilio Glaser am Eingang zum Spontan Coffee. Rechts im Bild, auf der Theke, steht das Herzstück des Cafés: eine handgefertigte italienische Siebträgermaschine © Max Zerrahn
 

Der gute Kaffee gehört definitiv zu meinem Berliner Seelenort, aber er macht ihn nicht aus. Ich habe auch zu Hause eine Siebträgermaschine, und mit ein bisschen Übung bekomme ich auch dort tolle Ergebnisse hin. Warum komme ich also immer wieder hierher, warum gehe ich überhaupt so gerne und häufig in Cafés? Ich glaube, es ist diese Kombination aus unaufgeregter Betriebsamkeit, leiser Hintergrundmusik und der Anwesenheit anderer Menschen, die mich zur Ruhe kommen lässt. Im Café kann ich erstaunlicherweise besser entspannen als zu Hause. Ich sitze am liebsten am Fenster, hier fühle ich mich wohl, kann das Treiben an der Theke beobachten und bin gleichzeitig mit dem Kiez verbunden, kann meinen Blick ab und zu nach draußen schweifen lassen und meinen Gedanken nachgehen. Auf diese Art erschließe ich mir übrigens auch neue Orte: Wenn ich ein Engagement in einer mir unbekannten Stadt antrete, dann erkunde ich sie über ihre Cafés, setze mich ans Fenster und beobachte die Menschen draußen auf der Straße.

In dieser Atmosphäre bereite ich mich oft auf meine Rollen vor. Ich habe hier am Fenster zum Beispiel die Partie des Herzogs von Mantua aus RIGOLETTO auswendig gelernt, die ich im November in der Deutschen Oper Berlin gebe. Ich komme während meiner Vorbereitungen sehr regelmäßig hierher, setze mich mit meinen Noten und dem Text an einen Tisch, lese, mache mir Notizen und gehe die Partitur im Kopf immer wieder durch. Dabei stören mich auch die Musik im Hintergrund oder die Geräusche der Kaffeemaschine nicht, in meinem inneren Ohr läuft dann nur die Passage, auf die ich mich konzentriere. Dahinter steckt keine besondere Mnemotechnik – so banal es klingen mag, so wichtig ist mir diese Routine für meine Arbeit geworden: Ich gehe ins Café Spontan, um mir den Spaß am Lernen zu bewahren.

Auch wenn ich alleine hier bin und wenig kommunizieren muss, bewege ich mich im öffentlichen Raum. Ich kleide mich vermutlich ein wenig anders als zu Hause, mache mich ein wenig anders zurecht – in gewisser Hinsicht nehme ich eine Rolle an, sobald ich das Haus verlasse. Vielleicht helfen mir diese Form der Öffentlichkeit und die Anwesenheit Anderer um mich herum dabei, mir Rollen zu erschließen, die mit meiner Lebenswirklichkeit in der Regel wenig zu tun haben. Denn neben der Musik geht es auch darum in unserem Beruf – sich der Motive, Bedürfnisse und Gefühle einer Opernfigur bewusst zu werden, um sich dadurch in sie hineinversetzen zu können.

Ich liebe es generell, mich in die unterschiedlichsten Charaktere hineinzudenken und möglichst abwechslungsreiche Partien zu übernehmen. In der nächsten Spielzeit singe ich an der Deutschen Oper Berlin neben Verdi unter anderem auch Wagner und Mozart. Es gibt immer noch Stimmen, die meinen, dass das so eigentlich nicht zusammengehe, dass sich das vermeintlich schwere deutsche und das leichtere italienische Fach gegenseitig ausschlössen. Ich kann da nur entgegnen: Gerade diese Abwechslung empfinde ich als bereichernd, es bleibt ja immer etwas hängen, eine Erfahrung aus der einen Partie, die ich dann als zusätzliche Perspektive mit in die andere nehme. Natürlich gibt es für mich als Tenor nach wie vor Meilensteine. Dass ich erstmals den LOHENGRIN singen darf, ist so ein Schritt, darauf freue ich mich wirklich sehr. Und gerade beim LOHENGRIN merkt man, dass die Unterschiede zwischen den Operntraditionen manchmal gar nicht so groß sind. Wie Wagner hier die Tenorpartie angelegt hat, das hat doch etwas sehr Jugendliches und, wenn man so will, Italienisches. Da kommt mir dann wiederum der RIGOLETTO zugute.

Vom Café aus betrachtet Glaser das Treiben auf der Straße. Hier kann er seinen Gedanken nachgehen oder einfach nur den guten Flat White genießen © Max Zerrahn
 

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