Frank Castorf: Mein Seelenort

Frank Castorf war von 1992 bis 2017 Intendant der Volksbühne. Mit Verdis LA FORZA DEL DESTINO gibt er nun sein Debüt an der Deutschen Oper Berlin. Und führt uns an eine besondere Kreuzung

Da drüben, im Eckhaus Pappelallee und Stargarder Straße betrieb mein Vater einen Eisenwarenladen; 1899 hatten ihn meine Urgroßeltern gegründet. Dort wohnten im ersten Stock noch meine Großeltern. Hier, an dieser Kreuzung im Prenzlauer Berg, ist Berliner Geschichte passiert – oder die kurze Illusion, die deutsche Geschichte ändern zu können.

Es war der 7. Mai 1945, ein Tag vor Kriegsende. Plötzlich gab es hier die absurde Hoffnung, das fast untergegangene Nazireich doch noch zu retten: Über diese Kreuzung fuhren die letzten deutschen Panzereinheiten, die zur legendären Armee des Generals Wenck stoßen wollten, eine Armee, die nur noch in der Halluzination von Adolf Hitler bestand – und Berlin vor der nahenden russischen Armee retten sollte.

Die SS-Leute sahen im Erker meiner Großeltern einen strategischen Nutzen und wollten ihn besetzen, um von dort aus die russischen T-34-Panzer aufzuhalten, die hinter ihnen auf dieser Strecke von Norden in die Stadt kamen. Meine Großmutter wusste: ein Schuss aus dem Panzerrohr des T-34 und alles wäre weg. Sie vertrieb die SS-Männer mit ihrem Besen. Unten, im Keller, hatte sie meinen Vater versteckt, in einem Uhrenkasten, wie bei den sieben Geißlein. Er, mein Vater, war ein paar Tage zuvor schwerverletzt desertiert; meine Großmutter schütze ihn erst vor den Kettenhunden der Wehrmacht und danach vor den Russen.

Dreißig Jahre später habe ich in dem Keller Bestecke von vor dem Krieg gefunden, Solinger Messer in Ölpapier eingeschlagen, die schnitten noch. Die Gebrauchsqualität der deutschen Produktion: die Glorie zur Schattenseite dieser deutschen Tragödie.

Dieser Ort trägt für mich die Erinnerung an meinen Vater. Er starb vor einigen Jahren, kurz nachdem er seinen Laden schließen musste. Ich habe schon früh gewusst, dass ich den nie übernehmen werde – und mein Vater wusste das auch. Ich trage oft seine Tasche aus Krokodilleder, die ich ihm mal geschenkt habe. Den Laden habe ich immer gemieden; er war muffig, kalt und ich friere leicht. Da strömte Grabeskühle von unten hoch. Vor Silvester verkauften meine Eltern Feuerwerkskörper. Und ich musste so mit acht, neun Jahren die Tür zum Laden bewachen, damit sich alle in die Schlange anstellen, die Leute standen hundert Meter an. Das war mir sehr peinlich.

Die Kreuzung war bis zur Wende vom Krieg gezeichnet. Die Geschichte hatte der Architektur Narben verpasst, Maschinengewehreinschüsse, das lebendige Zeugnis des Krieges. Die Pappelallee war asphaltiert, die hielt auch die russischen Panzer aus. Da konnten wir Kinder wunderbar Rollschuhfahren, weil es auch ein bisschen hügelig war. Wir durchsuchten ausgebombte Häuser. Lebensfreude der Kindheit und Trostlosigkeit der Zerstörung.

Frank Castorf © Max Zerrahn
 

In meiner Kindheit war das ein Bezirk großer sozialer Gegensätze, vorn wohnten Beamte und Militärs und die wohlhabenderen Leute, meine Großeltern etwa. Etappe für Etappe durch die Hinterhöfe wurde es einfacher, Ofenheizung, ein Zimmer, Außentoilette. In den Siebziger- und Achtzigerjahren wurde der Kiez von Künstlern entdeckt, Arbeiter saßen neben Dichtern und Musikern. Hier hat man in der Zeit auch mal Heiner Müller oder David Bowie auf der Straße gesehen. Wir feierten großzügige Partys, etwa mit der Band »Ton, Steine, Scherben« – laut, verboten, Anarchie, „Keine Macht für Niemand“.

Das Besondere an Verdis LA FORZA DEL DESTINO ist, dass der Alltag in die hohe Kunst der Oper einbricht. Es ist Krieg, Krieg, Krieg. Bei Verdi kämpfen spanische Truppen gegen die Habsburger. Dieser Krieg ist merkwürdig beschrieben. In einer Szene singt eine Zigeunerin: „Der Krieg ist das Beste, was es gibt, wir sind stolz auf den Krieg!“ Bei Verdi spiegelt sich Zerstörung auch in einer bestimmten Ästhetik, Opern zu schreiben. Er löst die Zeit auf, die Handlung, den Raum. Und ich ziehe mit Verdi ins Neapel 1943, in die Welt des Schriftstellers Curzio Malaparte, der in seinem Roman „Die Haut“ beschreibt, wie die Amerikaner in Sizilien landen. Wie Mussolini gestürzt wird. Wie Italiener, die zuvor im Widerstand gegen die Faschisten gearbeitet haben, plötzlich ihre Brüder, Töchter, Mütter verkaufen. Es herrscht Sodom und Gomorrha. Auch so kann Befreiung aussehen. Manchmal ist es schwerer, Befreiung zu ertragen, als besiegt zu werden, schreibt Malaparte.

Solche Brutalität interessiert mich, deshalb suche ich diese Stoffe. Es wird heftig. Aber ich weiß, dass Verdi nicht das Organische wollte, sondern das Disparate. Die Musik ist so schön, aber Verdi wollte wachrütteln. Für mich gehören diese Kriege zusammen – literarisch, historisch, assoziativ.

Wir spüren bis heute die Folgen des Ersten Weltkrieges, als danach Franzosen und Engländer mit einem Lineal Länder wie Syrien und Irak erschufen. Deswegen wird sich auch in diesem Verdi der Zweite Weltkrieg spiegeln.

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08
DEZ

Adventskalender: Das 8. Fensterchen

Heute im Foyer: „Gemeinsames Adventssingen“
Mit der Blechbläsergruppe unseres Orchesters
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Die Blechbläsergruppe des Orchesters der Deutschen Oper Berlin lädt zum Singen weihnachtlicher Lieder ins Parkettfoyer ein, wo der liebevoll in Gold geschmückte Tannenbaum erstrahlt! Vom bekannten deutschen Adventslied „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ über die Klassiker „Oh Tannenbaum“ und „Oh Du Fröhliche“ bis zu „White Christmas“, erwartet Sie ein Programm zur musikalischen Einstimmung auf die Feiertage.