Ute Lemper … Mein Seelenort: Eine Dachterrasse in New York

Ute Lemper wohnt in New York in einem Gebäude aus den Twenties. Mit der BigBand und dem Orchester der Deutschen Oper Berlin singt sie nun Lieder aus der bewegten Ära

Mein Seelenort ist meine Dachterrasse im zehnten Stock eines alten Gebäudes in Manhattan. Zusammen mit meinem Mann und meinen Kindern wohne ich in der Upper West Side, und wenn ich das Haus verlasse, dann beginnt in der einen Richtung drei Gehminuten entfernt der Central Park und in der anderen nur ein wenig weiter der Riverside Park am Hudson River. Ich lebe inmitten einer pulsierenden und schnelllebigen Weltmetropole, aber auf meiner Dachterrasse bin ich dieser Hektik enthoben. Und dennoch bleibe ich der Stadt verbunden, wenn ich hier sitze und den Blick über die Skyline genieße – rechts und links die Parks und geradeaus Midtown mit seinen Hochhäusern. Im Sommer blühen in den Kübeln so viele Pflanzen, dass ich manchmal fast glaube, ich sei auf dem Land – ich nenne es gerne meine kleine Toskana. Aber dann muss ich nur den Blick heben, um mir zu vergegenwärtigen, dass nur ein paar Hundert Meter entfernt das Museum of Natural History und das Lincoln Center liegen: Das macht diesen Ort so besonders.

Ute Lemper auf ihrer Dachterrasse in der Upper West Side nahe des Central Park in New York. Von hier blickt sie auf die Skyline von Midtown Manhattan © Noah David Smith
 

Hier komme ich zur Ruhe, kann den Druck des Alltags hinter mir lassen und kreativ sein. In meinem Beruf muss man lernen, zwischen dem Familien-Ich mit seinen Verpflichtungen und dem künstlerischen Ich hin und her zu springen. Über die Jahre habe ich eine Routine entwickelt, mich in einen Zustand der produktiven Leere zu versetzen, dabei helfen mir auch Atemübungen. Die schönsten Momente erlebe ich, wenn es mir gelingt, diesen leeren Raum mit etwas Neuem zu füllen: mit Musik, Worten, Ideen. Über den Dächern der Stadt werde ich gewissermaßen nackt, um kreativ sein zu können. Ich muss mich fokussieren, aber gleichzeitig frei sein, um aus einem Einfall, Gedanken, einer Melodie oder einem Wortspiel mehr werden zu lassen, die Lawine ins Rollen zu bringen. Wenn ich hier oben sitze und über neue Projekte nachdenke, habe ich immer Stift und Papier neben mir. Sobald eine Idee präziser wird, muss ich sie aufschreiben und ordnen.

Das Gebäude wurde 1928 erbaut und ist typisch für diese Gegend. Viele alte Details sind erhalten geblieben, die Kacheln in den Badezimmern, der Holzboden, die Leisten im Flur, das alles atmet den Geist einer anderen Zeit. Wir sind umgeben von Brownstones, den charakteristischen Wohnhäusern aus Sandstein mit Treppen, die von der Straße zum Eingang im Hochparterre führen, hier sieht es aus wie in den Woody-Allen-Filmen, es ist das alte New York.

Als ich 1997 aus Europa hierher zog, spürte ich eine Freiheit und Offenheit, die ich bis dahin nicht kannte. Heute hat sich das angeglichen, aber damals erlebte ich New York im Vergleich mit den europäischen Hauptstädten als viel multikultureller, die Menschen als weltbürgerlicher. Auf meiner Dachterrasse habe ich mir dieses Gefühl aus den Anfangsjahren etwas bewahrt. Wenn ich herunterschaue, sehe ich direkt vor mir eine Synagoge und etwas weiter das Jewish Community Center, denke daran, dass dieser Ort eng mit der Musik verbunden ist, die ich so liebe und mit der meine Karriere begann. Es waren vor allem jüdische Komponisten, die emigrieren mussten, welche ich damals wiederbelebte: Erst Kurt Weill und dann später das Album „Berlin Cabaret Songs“ mit Kompositionen von Mischa Spoliansky, Friedrich Holländer und Rudolf Nelson, das 1997 in einer englischen und deutschen Version erschien. Damals war mir das nicht bewusst, aber ich war in dieser Zeit die erste, die diese Musik wieder aufnahm und aufführte – eine Pionierin.

Für den Musical- und Chanson-Star Lemper haben die Lieder der Zwanziger Jahre eine noch immer unerreichte Intelligenz und Raffinesse © Noah David Smith

Mittlerweile sind die Begriffe der Roaring Twenties und der Goldenen Zwanziger Jahre leider ein wenig zum Klischee geworden, es bleiben wie immer vor allem Stereotype übrig. Ich spreche lieber vom Berlin zwischen den Zeiten, weil in dieser Epoche des Aufbruchs eben auch viel Schmerz steckte. Es passierte alles gleichzeitig: hier die großen Entwicklungen in der Kunst, der Musik, der Literatur, der gesellschaftlichen Moral, und da die Armut, die Gewalt, die Angst. Meine Überzeugung ist: Wenn die Nazis diese Gesellschaft nicht zerstört hätten, dann wäre das, was in den Sechziger Jahren ausgehend von den Studentenbewegungen losgetreten wurde, schon im Berlin der Vierziger Jahre passiert. Vielleicht blicken wir auch deshalb so melancholisch auf diese Zeit zurück, weil wir wissen, dass etwas unwiderruflich verlorenging.

Mir ist eine solche Verklärung eher fremd, ich lebe gerne in der Gegenwart und richte meinen Blick nach vorne. Wenn ich im April zusammen mit der fantastischen BigBand der Deutschen Oper Berlin Stücke aus den Zwanziger Jahren aufführe, dann begreife ich sie als zeitgenössisch. Mehr noch: Ich finde, sie sind aktueller Musik an Poesie, Intelligenz und Eleganz immer noch überlegen. Und daher freue ich mich so sehr darauf, diese großartige Musik mit dem Berliner Publikum zu teilen.

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