Ein Essay von Michael Horst

Der Frauenversteher

Giacomo Puccini schöpfte die Inspiration zu seinen Opern immer wieder aus privaten Liebesverhältnissen

Michael Horst arbeitet als Musikjournalist und Autor für Radio und Printmedien in Berlin. 2012 erschien in der Reihe „Opernführer kompakt“ des Henschel-Verlags, Leipzig sein Band über Puccinis TOSCA; im März 2015 folgt in derselben Reihe ein Band über Puccinis letzte Oper TURANDOT.

 

Die Titel seiner Opern sprechen für sich. MANON LESCAUT, TOSCA, FRÄULEIN SCHMETTERLING, TURANDOT. Giacomo Puccini liebte die Frauen. Er machte sie zu den Heldinnen seiner Dramen, auch wenn – oder gerade weil – sie die Opfer der Geschehnisse werden, die ihnen die eigene Verliebtheit, ein skrupelloser Mann oder das ungnädige Schicksal aufgezwungen haben. Dann sterben sie gemeinsam mit dem Geliebten in der Verbannung – wie Manon Lescaut. Dann springen sie in ihrer Verzweiflung in den Tod wie Tosca oder erstechen sich – wie Liù und Madama Butterfly, das japanische „Fräulein Schmetterling“. Oder sie nehmen einen giftigen Kräutertrank – wie Schwester Angelica, die ins Kloster verbannte Titelheldin aus dem Mittelteil des TRITTICO, die nur diesen einen Weg sieht, um dem Leiden an der Welt zu entkommen.

Doch je tragischer das Schicksal dieser Frauen endet, desto liebevoller, fürsorglicher, zugleich aber auch glühender und blühender wird die Musik, die Puccini ihnen zugedacht hat. Er leidet mit ihnen, er kleidet ihre Hoffnungen und Ängste, ihre Trauer und Wut in Klänge voller Sinnlichkeit, Süße oder Bitternis. Er findet Melodien, die sich perfekt dem Charakter und den Gefühlen der Figuren anpassen. Puccinis Frauen sind mehr als die hustende Mimì oder die leichtlebige Musetta aus LA BOHEME. Oft machen ihre Gefühle ungeahnte Entwicklungen durch: Eine kapriziöse, vom Glanz des Theaters geblendete Sängerin wie Floria Tosca wächst über sich selbst hinaus, wenn sie erkennen muss, dass nur sie ihren Geliebten Cavaradossi retten kann, indem sie Scarpia zu Willen ist. Und auch Butterfly wird klar, dass ihre Liebe zu dem leichtlebigen Pinkerton größer ist als der Schmerz darüber, dass er nach der langen Trennung mit einer anderen Frau zurückkehrt – in aller Größe verabschiedet sie sich vom Leben.

Woher kommt dieser Blick des Komponisten auf das „Ewig Weibliche“? Betrachtet man Puccinis persönliches Verhältnis zu Frauen, bzw. die so genannten Verhältnisse, die er mit Frauen Zeit seines Lebens gepflegt hat, dann wirken all die opferbereiten und innerlich so starken Frauenpersönlichkeiten auf der Bühne eher wie eine Projektion, die sich den Erfahrungen der Realität entzieht. Denn als Mann [und Liebhaber] ist der Komponist nicht wirklich glücklich geworden – trotz aller Affären, die dem gut aussehenden und spätestens als Mittdreißiger höchst erfolgreichen Mann nur so in den Schoß fielen. Sie konnten die traurige Wahrheit nur kaschieren, dass Puccini ein Frauenheld war, dem jedoch die Attitüde des Helden voll und ganz fehlte.

Die erste längere und leidenschaftliche Liaison des knapp 30-jährigen Giacomo hatte die weitreichendsten Folgen. Denn was als himmelhochjauchzende Verliebtheit zu der verheirateten Elvira Bonturi begann, wurde später zum psychologischen Alptraum in Puccinis Leben. Elvira verließ ihren Ehemann – ein Skandal in damaliger Zeit! – und lebte von nun an in „wilder Ehe“ mit dem Komponisten zusammen. Doch je länger die Beziehung dauerte, desto mehr ähnelte sie einem Psychodrama strindbergscher Prägung, bei dem die notorische Untreue Giacomos mit der pathologischen Eifersucht Elviras kollidierte. Ihre eigenen Hoffnungen, als Muse dem Künstler Puccini zu dienen, erfüllten sich nicht, nur als Mutter des gemeinsamen Sohnes Tonio konnte sie sich der Unterstützung ihres Lebensgefährten sicher sein. Der teilte die Frauen lieber nach der bewährten südländischkatholischen Devise ein: hier die Heilige [Mutter, Ehefrau, Schwester etc.], dort die Hure …

Diese Kategorien versuchte Puccini auch Elvira klarzumachen: Er brauche die von ihm als „piccoli giardini“ [kleine Gärten] bezeichneten Abwechslungen, um sich als Künstler entfalten zu können. Um sich mit der „Bestellung“ dieser Gärten abzulenken und zugleich neue Energie für die harte Kompositionsarbeit zu sammeln. Wohl wahr: Für Puccini war der geistige Austausch mit seinen Geliebten nebensächlich, denn zumindest in jüngeren Jahren stammten sie fast immer aus unteren Schichten. Ihm ging es allein um seine Bestätigung als Mann, um seine Potenz – in sexueller wie kreativer Hinsicht. Nicht nur dort eiferte er Richard Wagner nach: ohne Affären keine Inspiration für die kleinen und großen Liebesdramen in der Oper. Nur am Rande sei vermerkt, dass Puccini selbst, introvertiert und im menschlichen Zusammenleben eine eher unsichere Persönlichkeit, zu einer stabilen emotionalen Beziehung alle wichtigen Voraussetzungen fehlten. Aber das wäre eher ein Fall für den Psychotherapeuten!

So findet sich in Puccinis Vita eine ansehnliche Reihe von Geliebten: ein zwischen Licht und Schatten changierendes Panorama „kleiner Gärten“ mit vielen blühenden, immer hübsch anzuschauenden Blumen darin. Sie alle dürften in die Operngestalten eingeflossen sein, in einzelnen Facetten, mit ihrem Temperament, mit ihrer Zärtlichkeit. Die heftigste Affäre ist zugleich auch die mysteriöseste: Die wahre Identität der Turiner Näherin Cori wurde erst vor wenigen Jahren von dem Puccini-begeisterten Schriftsteller Helmut Krausser mit kriminalistischem Spürsinn herausgefunden. Die heftige Affäre des 42-Jährigen mit der jungen Frau begann kurz nach der TOSCA-Uraufführung im Frühjahr 1900; sie dauerte über drei Jahre und bescherte Puccini erotische Wonnen, mit denen er gegenüber seinen Männerfreunden nicht hinter dem Berg hielt. Schließlich musste er sich von Cori auf massiven Druck von Seiten des Ricordi-Verlags, der nicht vor Privatdetektiven, Intrigen und Prozessen zurückschreckte, trennen. Die „Strafe“ war hoch: Kurz darauf ließ sich der Komponist zur Heirat mit seiner inzwischen zur Witwe gewordenen Elvira überreden. Von Liebe war längst keine Rede mehr.

Die tragischste Affäre [aber war sie überhaupt eine?] betrifft die Hausangestellte Doria Manfredi, die 1908 öffentlich von Elvira beschuldigt wird, sich mit ihrem Mann eingelassen zu haben. Puccini selbst streitet alle Vorwürfe ab, das schlichte Dorfmädchen Doria ebenfalls – und geht doch den Weg seiner Opernheldinnen: Sie stirbt an einer Überdosis Schlaftabletten. Der anschließende Verleumdungsprozess gegen Elvira endet mit einer Verurteilung, die nur durch einen außergerichtlichen Vergleich aus der Welt geschafft werden kann. Der Prozess und die monatelangen Schlagzeilen in der Presse stürzen Giacomo in eine schwere Krise und lassen die Ehe mit Elvira zur Farce werden. Nach einem kurzen Intermezzo mit einer Ungarin namens Blanka Lendvai, die er bei einem Besuch in Berlin kennenlernt, beginnt Puccini 1911 sein erfüllendstes Verhältnis: mit der bayerischen Baronin Josephine von Stengel, die zum Glück fließend Italienisch spricht. Sie ist für ihn mehr als nur ein „kleiner Garten“; mit „Josi“ reist Puccini 1912 sogar inkognito zu den Bayreuther Festspielen, um seine Lieblingsoper von Wagner, den PARSIFAL, zu hören. Auch nach Kriegseintritt Italiens 1915 dauert die Liaison an; das Paar trifft sich in der neutralen Schweiz, bis der italienische Konsul derlei „konspirative Treffen“ auf diplomatischem Wege vereitelt und die Beziehung versandet. Ironie des Schicksals: Auf dem Grundstück im toskanischen Viareggio, auf dem Puccini 1915 ein Liebesnest für sich und Josi erbauen wollte, wird sechs Jahre später die Villa errichtet, in der er mit Elvira die letzten Jahre bis zu seinem Tod 1924 verlebt.

Doch noch einmal lächelt Venus dem mittlerweile 63-Jährigen, der vor dem Altwerden einen wahren Horror hat und jede Art von Verjüngungskuren in Erwägung zieht. Diesmal ist es eine mehr als 30 Jahre jüngere Sopranistin aus Hamburg, die dort 1921 in der Deutschen Erstaufführung der SCHWESTER ANGELICA die Hauptrolle singt: Rose Ader. In glühenden Briefen [„Wie sehr ich Lust und Durst auf Deine Küsse habe!“] beschwört er seine Liebe und bittet sie inständig, Italienisch zu lernen. Er trifft sich mit ihr zu erotischen Rendezvous weit entfernt von Elvira, in Mailand, München oder Wien. Er verschafft ihr sogar ein Engagement als Mimì an der Oper in Rom – und überwacht persönlich die mehrwöchigen Proben!

Als 1922 dieses letzte Liebesabenteuer zu Ende geht, ist der Komponist auch mitten in der Arbeit an seiner letzten Oper TURANDOT, deshalb lässt ein Satz in seinem Trennungsbrief besonders aufhorchen: „Liù klagt, und wenn ich komponiere, denke ich an Dich, meine arme, süße und gute Rose!“ Es ist eines der seltenen Male, in denen Puccini einen kurzen Blick in seine Komponistenwerkstatt gewährt. Verdanken wir die ergreifende Schlussszene der Liù, in der sie der eiskalten Prinzessin Turandot ihr zukünftiges Liebesglück mit dem Prinzen Calaf prophezeit, eigentlich Puccinis Erinnerung an Roses Stimme, an ihren Körper oder ihr Lächeln?

Apropos Calaf: Er ist sicher das beste Beispiel dafür, wie eindimensional die Herren der Schöpfung wohl nicht von der Natur, zumindest aber von Puccinis Librettisten [und bisweilen auch in seiner Musik] angelegt sind. Dieser Tatarenprinz handelt nach dem antiken Motto „Ich kam, sah und siegte“; er will erobern und gewinnen, da kommt ihm die widerspenstige Turandot gerade recht. Ebenfalls als Eroberer, die amerikanische Nationalhymne sozusagen auf den Lippen, kommt Pinkerton nach Japan, um sich dort mit den Frauen zu vergnügen. Welche Schockwellen der emotionale Tsunami bei der Geisha Cio-Cio-San hinterlässt, ist ihm herzlich gleichgültig. Das Drama nimmt seinen Lauf – ohne Pinkerton, der bald wieder abreist. Der sensibelste Macho unter allen Puccini-Tenören ist noch der Maler Cavaradossi, Künstler und Kämpfer für eine römische Republik, ein Mann mit Idealen, der durch die Liebe zu Tosca in einen schwierigen Zwiespalt gerät. Und dennoch bleibt auch er im Kräftedreieck zwischen Tosca und dem grandiosen Bösewicht Scarpia der schwächste Punkt. Verwundert es bei dieser Auflistung – um noch einmal auf die biografische Ebene zurückzukehren –, dass Puccini die gesellige Männerrunde oder die gemeinsame Entenjagd, aber nicht so sehr die ganz persönlichen Freundschaften bevorzugte?

Den Beifall holen sich diese Opern-Mannsbilder für ihr geschmettertes hohes C und für ihre mitreißenden Arien, die zu den Highlights der Opernbühne zählen – ob nun Cavaradossis „E lucevan le stelle“ oder Calafs „Nessun dorma“. Die Anerkennung des Publikums mag ihnen damit sicher sein, das Mitgefühl jedoch kaum. Nicht einmal die Männer von heute mögen sich mit solchen testosterongesteuerten Geschlechtsgenossen identifizieren. Und auch die Frauen dürften wenig Sympathie für ihr triumphalistisches Gehabe empfinden. Ihnen stehen die Leiden von Puccinis zarten Heldinnen allemal näher. Es ist sein menschlicher Blick, der dazu geführt hat, dass sie das Opernpublikum seit nunmehr über hundert Jahren ungeachtet aller Epochen und Moden verzaubern und zu Tränen rühren. Denn sie sind ganz aus dem Leben gegriffen. Nicht nur aus Puccinis Leben.

Aus: Deutsche Oper Magazin Februar – Juli 2015

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