Ole Anders Tandberg über seine Sicht auf CARMEN

Opfer auf allen Seiten

Das Gespräch führte Uwe Friedrich

Uwe Friedrich studierte Theaterwissenschaft, Musikwissenschaft und Germanistik an der FU Berlin. Nach seiner journalistischen Ausbildung beim Bayerischen Rundfunk arbeitete er als Opernredakteur für den Saarländischen Rundfunk. Er ist als Musikjournalist und Moderator für verschiedene Radiosender tätig.

Herr Tandberg, die verführerische Zigeunerin Carmen ist ein Phantasieprodukt französischer Künstler, die ein Spanien imaginieren, das es so nie gegeben hat. Liebe und Tod, Freiheit und Kastagnettengeklapper gehören untrennbar zum Klischee der Oper Georges Bizets. Was interessiert Sie außerdem?
Es geht darum, dass Carmen Grenzen überschreitet und die Gefahr nicht scheut. Im Libretto liest man, dass sie in die Zukunft schauen kann. Sie weiß, wann sie sterben wird und hat überhaupt keine Angst davor. Sie sagt das mehrmals im Verlauf des Stücks. Darin besteht ihre Freiheit. Eine gefährliche Freiheit, weil sie grenzenlos ist. Das ist faszinierend und unwiderstehlich für jeden, der sich in sie verliebt. Gleichzeitig ist diese grenzenlose Freiheit furchteinflößend, denn wer sie erreicht, der wird dadurch zerstört. Das betrifft nicht nur Carmen, sondern auch alle, die sie umgeben.

Besonders alltagstauglich scheint die grenzenlose Liebe also nicht zu sein und die Protagonisten sind selten sympathisch. Würden Sie Carmen zu sich nach Hause einladen?
Vielleicht zu meiner Geburtstagsparty, denn sie wäre mit Sicherheit ein aufregender Gast bei jeder Feier. Mit ihr befreundet zu sein wäre sicher schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Sie lässt sich in keine Gesellschaft einordnen. Sie fordert jeden auf, mit ihr die Seiten zu wechseln. Das pittoreske Zigeunerleben des Librettos bedeutet in unserer Sichtweise, dass auch sie eine Mörderin ist. Wer diese Grenze überschritten hat, kann und will sich nicht wieder begrenzen lassen. Auch der Tod anderer hat keine große Bedeutung mehr. Das ist unmenschlich, also kann sie kein Vorbild für uns sein.

Don José lässt sich von Carmen emotional erpressen. Obwohl er irgendwann merkt, dass Carmen nicht gut für ihn ist, kehrt er doch zu ihr zurück. Was sagt das über ihn?
Carmen macht ihn zuerst an. Sie kann es nicht ertragen, dass ein Mann so demonstrativ nicht an ihr interessiert ist. Sie will nicht dauerhaft mit ihm zusammen sein, sie will ihn nur erobern. Er reagiert darauf nicht rational. Sie wollen sich gegenseitig, gerade weil sie nicht zusammenpassen. Wenn er sie im dritten Akt endlich verlässt, um zu seiner sterbenden Mutter zurückzukehren, schafft er beinahe den Absprung. Aber er kehrt zurück und ahnt wahrscheinlich, dass er sie töten wird. Man kann es sich leicht machen und sagen, er ist halt ein Psychopath mit selbstzerstörerischer Neigung. Aber das wäre mir zu einfach. Irgendetwas passiert mit ihm, denn zu Beginn der Oper agiert er noch einigermaßen unauffällig. Was das ist, wollen wir gemeinsam herausfinden.

Eine bemerkenswerte Todessehnsucht durchzieht diese Oper, wie man sie eher in der deutschen Spätromantik erwartet. Carmen weiß, dass sie bald sterben wird, Don José ahnt zumindest, dass er sie umbringen wird, Escamillos Beruf ist das Töten im Stierkampf. Was bedeuten diese Untergangsfantasien?
Im Stierkampf geht es darum, dem Tod ins Auge zu sehen und ihn zu überwinden. Das wünschen wir uns doch alle: Das Leben für immer zu erhalten. Den gefährlichen Stier erlegen, während seine Hörner uns schon bedrohlich nah gekommen sind und er uns töten könnte. Es ist immer wieder wie das erste Mal, auch wenn der müde Stier in der Regel gar nicht mehr in der Lage wäre, den Torero zu besiegen. Es ist eine bedrohliche und erschreckende Welt, in die Bizet und seine Librettisten uns schauen lassen. Auch die Schmuggler stehen nicht in erster Linie für ein romantisches Leben am Lagerfeuer, sondern für Gier und Profitstreben. Heute würden sie kaum Tabak und Kaffee schmuggeln, vielmehr Flüchtlinge, Drogen oder Transplantationsorgane. Das ist eine sehr blutige Geschichte, die Opfer auf allen Seiten hervorbringt.

 

Ole Anders Tandberg über seine Inszenierung im Making-Of-Video
 
 

Die gleichnamige Novelle von Prosper Merimée ist erheblich brutaler als die Oper. Die Figuren sind deutlich als Verbrecher gezeichnet, Don José wird schließlich hingerichtet, während in der Oper nach Carmens Tod gnädig der Vorhang fällt. Spielt die Novelle für Ihre Inszenierung eine Rolle?
Wir haben die Novelle gründlich gelesen, aber Grundlage für meine Inszenierung ist selbstverständlich Georges Bizets Partitur. Wir können nur mutmaßen, was zwischen Escamillo und Carmen passieren würde, wenn Don José sie nicht umbrächte. Ich nehme an, sie würde auch ihn recht schnell verlassen. Es bleibt ein Stück über eine Frau, die vor gar nichts Angst hat außer vor echter Intimität. Ihr Handeln ist davon bestimmt, Nähe zu anderen Menschen zu verhindern. Sie spricht zwar immer wieder von der Liebe, unternimmt aber alles, um diese Liebe zu zerstören. Vielleicht muss sie deshalb sterben, weil sie dieses Paradox nicht aushält.

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