Rave im Opernhaus

Beim Festival »Playground« führen sechs Bands an einem Abend vor, wie spielerisch und offen Jazz, Techno und Pop heute miteinander umgehen. Tipp: flache Schuhe anziehen, da Tanzgefahr

Wenn die Begriffe Berlin und Nachtleben in einem Satz vorkommen, geht es meist um Techno. Um den Wumms, ums Tanzen und Feiern. Das gehört zum tollen Ruf der Stadt. Beim Minifestival »Playground« lässt sich an einem langen Abend erleben, wie elektronische Musik in Berlin klingt, wenn sie Räume jenseits der Clubs betritt.

Der Spielplatz, wie es der Titel nahelegt, sind zwei Orte, die das Publikum der Deutschen Oper Berlin selten zu Gesicht bekommt. Drei Konzerte finden in der Tischlerei statt, vor rund 400 Leuten. Und drei weitere für jeweils etwa 200 gibt es gleichzeitig im Kulissenmagazin hinter der Hauptbühne, das seit langem mal wieder bespielt wird. Opernkulissen raus, Lautsprecher rein in den hohen Raum voller Beton, damit der Beat sich entfalten kann. Verbunden sind die Spielstätten über einen Innenhof. Dramaturgin Carolin Müller-Dohle, die den Abend zusammengestellt hat, sagt: »Das Publikum darf hin- und hergehen, wie es Lust hat.« Von Konzerten kann man noch sprechen, auch ohne feste Sitzplätze. Aber nicht von einer konzertanten Situation, die durchgehende Anwesenheit verlangt. Wo die Genres ins Fließen geraten, kommen auch die Menschen in Bewegung, und sei es im Stehen, Gehen, Sitzen, Getränke Holen oder auf dem Hof Reden.

Das weit gereiste Trio Komfortrauschen schließt im Kulissenmagazin den Abend ab und klingt nach klassischem Techno, wie er in Chicago und Detroit erfunden wurde und in Berlin und Frankfurt auf fruchtbaren Boden stieß. Allerdings gibt es einen Unterschied, denn Komfortrauschen spielen alles von Hand – mit Gitarre, Bass, Schlagzeug, die mit Effektgeräten verschlauft sind. Ihre Konzerte finden zunehmend in Technoclubs wie dem Berliner Sisyphos statt. Schlagzeuger Tim Sarhan: »Bei uns geht es live stark in Richtung Rave, tanzen gehört dazu. Besonders schön, wenn sich Kontexte mischen, Klassikkonzerte in Technoclubs oder eben Raves in der Oper!« Der Klang verrät nicht sofort, dass hier sechs Hände im Spiel sind. Aber wenn ihre Tracks den Druck erhöhen, beginnt man die Menschmaschine zu ahnen. Dieser harte, hypnotische Maschinenfunk atmet menschliche Interaktion. Tim Sarhan sagt, sie komponierten wie viele Bands auch: erst improvisieren, dann gemeinsam arrangieren.

Sehen aus wie ein klassisches Jazztrio, klingen nach Club. LBT zeigen, dass im Techno auch Improvisation möglich ist © Richard Stöhr
 

Den umgekehrten Weg geht LBT, das zweite Techno-Trio des Abends. Der akustische Klang aus Piano, Kontrabass und Schlagzeug bleibt erkennbar. Aber kompositorisch dreht LBT den Prozess um, wie Bassist Maximilian Hirning erklärt: »Ich arbeite am Computer wie ein Technoproduzent, drucke danach aber Noten aus, damit wir üben können.« Hier tritt der Jazzhintergrund in den Vordergrund, wenn die Musiker Wiederholungen des Techno in feine, unablässige Veränderungen treiben, bis hin zu offenen Parts, die Soli erlauben. »In Perfektion werden wir einen Computer nie schlagen, aber (noch) in Improvisation und Energie«, sagt Hirning.

Die Berliner DJ Katzenohr spielt im Kulissenmagazin zwischen den Bands. Und auch wenn sie die Künstlerin mit der meisten Cluberfahrung ist, wird ihr Set die Geschwindigkeit zwischendurch drosseln. Auf der Langstrecke des Dancefloors empfiehlt es sich manchmal, das Tempo herauszunehmen, um den Horizont im Blick zu behalten.

In der Tischlerei sucht die Musik Annäherung an schemenhafte Songformen, verschlungene Harmonien und avancierte Sounds. Der Saxofonist Ralph Heidel eröffnet mit einem Quintett, das neben seinem warmen, oft elektronisch bearbeiteten Sound Synthesizer, Schlagzeug und erstmals auch Violine und Cello auf der Bühne hat. Doch was heißt schon Bühne, wenn kein Podest ein Höhengefälle zwischen Band und Publikum einzieht?

Zwischen Arie und Synthesizer: Ameli Paul spielen träumerischen Electronica © Allina Gärtig
 

Das Duo Ameli Paul klingt manchmal wie die Stunden bei Open Airs, wenn die Sonne aufgegangen ist und man noch ein bisschen bleibt. Oder man kriecht halb ausgeschlafen aus dem Zelt, kocht Kaffee, wippt mit der Hüfte und sagt leise »Yeah«. Sängerin Franziska Ameli Schuster, die auch mal zu einer Arie anhebt, verbindet alles, was »Playground« grundiert: klassische Ausbildung, Jazzstudium, Pop-Projekte, gefolgt von Öffnung in den Dance mit Paul Valentin an Synthesizer und Gitarre. Als Ameli Paul reden sie mit einer Stimme: »Für uns ist es wichtig, Musik nicht nur an dafür vorgesehenen Orten zu performen, sondern auch zu experimentieren, wie sich Operngesang in einem Club, aber eben auch Techno in der Oper anfühlt.«

Beim Finale in der Tischlerei kommt der Jazz noch einmal zur Geltung, aber nicht als tradierte Form, sondern als »Symbol musikalischer Freiheit«, wie die in Dänemark geborene Sängerin Mia Knop Jacobsen sagt. Ihre Band, ein Trio mit Gitarre und Schlagzeug, heißt .

Mia Knop Jacobsen vom Trio Rosemarine bedient sich beim Jazz wie bei einer Sprache, die hilft, ihre Ideen in Musik umzusetzen © Annika Krüger
 

Bei ihr wird Jazz zum Mittel, um die Dinge, die sie im Kopf hört, besser umsetzen zu können. Jacobsen: »Ich kam von Pop und Soul, als ich mich spät für ein Jazzstudium entschloss, um eine bessere Crossover-Musikerin zu werden.«

Durch die Tradition hindurchgehen, um den Ausgang in die Gegenwart zu finden: Das ist wohl das Programm, das alle sechs Acts von »Playground« verbindet. Clubs kennen Konventionen, die Oper, der Jazz, und auch die Poparenen. »Playground« will sie für eine kurze Zeit in der Schwebe halten. Das Ziel bleiben unsere Körper. Gesessen wird auf dem Heimweg.

Text: Tobi Müller

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