So viel Kontra in diesem Bass

Halb Jazz, halb Klassik, halb Monster: »Epitaph« sollte Charles Mingus' Opus Magnum werden. Doch am Ende wuchs es ihm über den Kopf. Er selbst hat das Werk nie gehört. Nun erlebt es eine seiner seltenen Aufführungen

Es war das Jahr, das den Jazz verändern sollte. Die Beatles und Stones gab es noch nicht, den Pop auch nicht – was cool war, kam aus dem Jazz. Dann erschienen im Herbst 1959 vier wegweisende LPs, heute alle Klassiker: »Kind of Blue«, Miles Davis, »Time Out«, Dave Brubeck, »The Shape of Jazz to Come«, Ornette Coleman – und »Ah Um« von Charles Mingus. Ein Meisterwerk, das Gospel, Blues, Boogie und Shuffle zu einem neuen Sound verband.

Seitdem hatte der Bassist Mingus seinen Platz im Olymp des Jazz sicher. Direkt danach widmete er sich einer noch kühneren Vision: Eine Suite für Orchester, teils improvisiert, teils komponiert – geschrieben für eine Besetzung aus zwei kompletten Big Bands sowie weiteren Orchesterinstrumenten. Es sollte ein Werk des »dritten Wegs« werden, den Jazz mit der klassischen Moderne eines Bartók und Strawinsky verbindend, und zugleich Mingus‘ persönliches Opus Summum: »Epitaph«. In Berlin bringt es Dirigent Titus Engel auf die Bühne. Charles Mingus jedoch hat es selbst nie gehört.

Schon die Uraufführung 1962 geriet zum Fiasko, vielleicht zum größten der Jazzgeschichte. Es passierte in der Town Hall in New York: Mingus war wegen des Erfolgs von »Ah Um« auf dem Höhepunkt seines Ruhms und hatte 33 Top-Musiker zusammengetrommelt, darunter Stars wie die Saxophonisten Buddy Collette und Eric Dolphy. Aber was schiefgehen konnte, ging schief. Mingus schrieb hoch komplexe Musik, hatte aber nur drei Proben angesetzt. Posaunist Jimmy Knepper wurde Kopist, schrieb täglich Noten ab, die Mingus produzierte. Der fand kein Ende, änderte ständig, erweiterte, ergänzte. Knepper kam nicht nach. Mingus wurde übellaunig, dann wütend, dann hasste er die Welt. In jenen Wochen sagte er der New York Times, dass er emigrieren wolle, für schwarze Musiker sei kein Platz in den USA. Er nahm sich einen Therapeuten; in den Sitzungen weinte er, die Menschen um ihn herum verbauten ihm die Chance seines Lebens. Der Druck war hoch, die Plattenfirma wollte live aufnehmen – damals unüblich, kaum erprobt.

In der Nacht vor dem Konzert war Mingus immer noch nicht fertig, er rief Knepper zu sich, verlangte spontan neue Begleitungen für Soli. Als Knepper ablehnte, schlug Mingus ihm ins Gesicht, brach ihm einen Zahn ab, nannte ihn eine weiße Schwuchtel und einen Verräter. Dann rauschte er ab zu einer Extraprobe um Mitternacht. Die Musiker verstanden seine Vision nicht, hatten schlicht keine Lust mehr. Das blieb auch beim Konzert so. Das Orchester hing im Timing hinter den Solisten her, das Publikum mochte die schlecht gespielte Musik nicht. Mingus ließ noch während der ersten Hälfte seinen Therapeuten rufen, der in der Pause Backstage auf ihn wartete. Ein Sprecher der Konzerthalle trat auf die Bühne und bot dem Publikum das Geld zurück an, die 1500-Plätze-Halle leerte sich komplett. Es kam zu Unruhen auf der 43sten Straße, die schließlich von der Polizei geschlichtet wurden. Eine zweite Hälfte gab es nie.

»Diese Musik ist eigentlich sehr abwechslungsreich, sehr dicht, kraftvoll, ein einzigartiges Werk zwischen den Genres«, sagt Engel. Der Dirigent ist – genau wie Mingus – in den Welten von Klassik, Neuer Musik und Jazz gleichermaßen zu Hause, und er spielt Kontrabass wie der Meister. »Epitaph« gibt er mit der BigBand der Deutschen Oper Berlin und jungen Musikern vom Jazz-Institut Berlin (JIB).

Damit erwacht das selten gehörte Werk neu zum Leben. Mingus produzierte nach dem Debakel von 1962 immer weniger, einige Jahre später wurde er krank, konnte sein Instrument mehr spielen. Charles Mingus starb 1979, ohne sein Hauptwerk je gehört zu haben. Die 500 Seiten Noten wurden Jahre später in einem alten Koffer bei seiner Witwe Sue entdeckt.

Für das Konzert in Berlin, zum 100sten Geburtstag von Mingus, wurde das Notenmaterial basierend auf der kritischen Neuausgabe neu erstellt: »Die Partitur ist in einem besseren Zustand als je zuvor«, sagt Engel. Aber das Werk sei keine Sinfonie, es werde viel improvisiert, müsse leben: »Ein bisschen Abenteuer bleibt.

Auf dem Foto: Charles Mingus 1976 in Manhattan. Er war Bassist, Grenzgänger, Pionier und Jazzlegende; nur eines nie: einfach © Thomas Marcello

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