Trägt die Stimme?

Operndirektor Christoph Seuferle über die Kunst, die Gesangsstars von morgen zu erkennen

Herr Seuferle, wie entdecken Sie Gesangstalente?
Bei Gesangswettbewerben, wo ich junge Sängerinnen und Sänger höre, wenn sie frisch von der Hochschule kommen. Und beim Vorsingen hier im Haus. Meist auf Empfehlung von Agenten, oft aber laden wir Sängerinnen und Sänger ein, weil sie Videoclips geschickt haben, die uns gefallen. 

Und worauf achten Sie bei einem Vorsingen? 
Auf die Qualität der Stimme und ihr Volumen, unser Saal ist groß, man braucht Durchsetzungskraft und Präsenz. Und darauf, ob die Person Imagination besitzt und Fantasie. Wie verhält sie sich zur Rolle, zu dem, was sie singt? 

Aber Sänger*innen sind doch keine Schauspieler*innen ... 
Man spürt, wenn Sänger nicht verstanden haben, in welchem Kontext eine Arie steht. Manchmal frage ich, in welchem Gefühlszustand sich der Charakter befindet. Da bekomme ich teilweise die abenteuerlichsten Antworten. 

Wie viel Zeit haben Sie, um das alles zu beurteilen?
Beim Vorsingen müssen meist zwei Arien genügen. Wettbewerbe machen es leichter, dank Vorrunden, Halbfinale und Finale sehe ich interessante Leute mindestens drei Mal – im Finale sollte man schon stehen.

Haben nicht Gewinnerinnen oder Gewinner bereits beste Karten?
Die Platzierung spielt für mich keine Rolle. Wer ins Finale kommt und mit Orchesterbegleitung überzeugt, ist der oder die Richtige.

Kommt es vor, dass sie jemanden hören und sofort anstellen? 
Selten, aber es passiert. 

Wann ist das zuletzt passiert?
Bei Jorge Puerta, einem jungen dramatischen Tenor aus Venezuela, war es so. Er ist ein absoluter Knaller, singt schweres italienisches Fach, sehr anspruchsvoll. Wenn alles gut geht, legt er eine Weltkarriere hin. Unser Publikum darf ihn zum ersten Mal bei unserer »Opera Lounge« auf dem Parkdeck erleben. Das kann ich jedem nur empfehlen! 

Klingt aber so, als sei das der Sonderfall.
Ja, so läuft es selten ab. Meist schlafen wir noch eine Nacht darüber. Wenn wir eine Sängerin für ein ganzes Jahr engagieren, sie 30 bis 40 Auftritte pro Jahr in unserem Haus hat, dann möchten wir einen Fehltritt unbedingt vermeiden. 

Was passiert, wenn die Tinte unter dem Vertrag trocken ist? 
Dann geht die eigentliche Arbeit los. Ich plane mit den jungen Sänger*innen ihre Karrieren, überlege, in welchen Partien sie eingesetzt werden, wie erste Meilensteine aussehen könnten, möchte sie bestmöglich fördern.

Wie entscheiden Sie, welche Partie zur Stimme passt?
Individuell und flexibel. Ich halte bei der Planung einer Spielzeit stets ein paar Rollen offen, besetze sie nicht mit Gaststars. So bekommen jede Sängerin und jeder Sänger eine Chance, wenn ihre Stimme so weit ist.

Hatten Sie schon Hoffnungen und wurden enttäuscht?
Ja, und das hängt oft mit der Arbeitseinstellung zusammen. Die Repetitor*innen und Spielleiter*innen berichten mir aus der direkten Probenarbeit. Da geht es um Vorbereitung, Motivation und wie gut jemand lernt. 

Viel Druck für Nachwuchskünstler*innen. 
Sängerinnen und Sänger stehen ständig auf dem Präsentierteller, bei der Probe und im Konzert; der Druck ist hoch. Wer damit nicht zurechtkommt oder sich unprofessionell verhält, ist für den Beruf nicht unbedingt geeignet. 

Gibt es Unprofessionalität auf diesem Niveau überhaupt?
Es passiert: Die Stimme ist schön, aber Musikalität, Verantwortung, Kollegialität gehen gen Null. Das erkennt man im Vorsingen nicht immer.

Nehmen wir an, jemand hat sich etabliert, größere Rollen gesungen, wird international gefragt. Wie geht es weiter?
Ab einer gewissen Größe wird die Festanstellung uninteressant. Was man bei uns in einem Monat verdient, verdienen manch andere an einem Abend. Hinzu kommt, dass man dann frei über seine Rollen entscheiden kann. 

Nicht frustrierend, wenn die Erfolgreichsten das Haus verlassen?
Gar nicht, der Wandel tut gut. Unsere Ehen sollten nicht länger als zehn Jahre dauern. Danach sollte ein Sänger, eine Sängerin versuchen, freischaffend zu sein und auf eigenen Füßen zu stehen.

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