Zwischen Teheran, Paris, Berlin

NEGAR erzählt die Geschichte von Shirin, die nach Jahren in Paris in den Iran zurückkehrt und feststellen muss, dass ihre Heimat sich verändert hat. Sie verliebt sich in einen Mann, in eine Frau und mit der Dreiecksbeziehung nimmt das Drama seinen Lauf

Was ist Heimat? Ist Heimat der Ort, von dem wir kommen, oder der, nach dem wir uns sehnen? Ist es der Ort, an den wir uns erinnern, oder der, an dem wir uns befinden? Und was geschieht, wenn diese Fragen durcheinandergeraten? Wenn man nach Jahren des Exils heimkehrt? Existiert der Ort von einst noch? Und vor allem: Wer wird man, wenn man zwischen den Kulturen steht? Marie-Ève Signeyrole, Autorin und Regisseurin des Musiktheaterstücks NEGAR, kennt diese Fragen nur zu gut: »Ich bin als Tochter algerischer Eltern in Paris geboren und habe einen Teil meiner Kindheit in Algerien verbracht. Meine gesamte Familie ist von dort, so gesehen bin ich mehr algerisch als französisch. Trotzdem arbeite ich in Frankreich und werde als französische Regisseurin angesehen. Die Frage nach den Wurzeln treibt mich schon immer um.«

Verdecktes Antlitz: Wer gegen das Regime protestiert, lebt gefährlich. Die Fotografin Newsha Tavakolian dokumentiert seit 2018 die Studentenproteste in Teheran mit unkenntlich gemachten Portraits © Newsha Tavakolian
 

Für NEGAR spielt sie durch, was passiert, wenn man diese Wurzeln nicht als vages Konzept oder Erinnerung im Kopf und Herzen mit sich trägt, sondern sich aufmacht, um die gefühlte Heimat mit der Realität zu konfrontieren. Diese liegt im Stück allerdings nicht in Algerien, sondern im Iran: «Die Gefühle, die mit dieser Entwurzelung und der Rückkehr verbunden sind, sind universell, sie hängen nicht an einem Ort. Zumal ich nicht über mich schreiben wollte, sondern über ein Gefühl, das alle teilen, die zwischen den Kulturen zerrissen sind.«

Manchmal vermittle man Dinge besser, wenn man sich von seiner persönlichen Geschichte löse und mit dem Blick eines teilnehmenden Beobachters auf seine Figuren schaue, glaubt sie. Eine dieser Figuren ist Shirin. Sie hat Teheran im Zuge der Islamischen Revolution in den siebziger Jahren als kleines Mädchen verlassen und sich seitdem ein Leben in Frankreich aufgebaut; nun kehrt sie als knapp vierzigjährige Frau in ihre Heimat zurück. Sie hofft, die Eindrücke von damals wiederzufinden, die Gerüche, die Geschmäcker, einfache, sinnliche Verbindungen und begegnet stattdessen dem Iran von heute: Einem komplexen Land voller Widersprüche. Eingeführt wird sie von ihren daheimgebliebenen Kindheitsfreunden Negar und ihrem Bruder Aziz. Beide verlieben sich in Shirin, sie wagen eine Liebe zu dritt.

Sie habe sich stark am Mythos von Orpheus und Eurydike orientiert, sagt Signeyrole: »Wegen der Dreiecksbeziehung, aber vor allem wegen des Zurückschauens. Orpheus dreht sich trotz des Verbotes um und verliert Eurydike. Shirin blickt auf ihre Vergangenheit zurück und geht damit ebenso das Risiko ein, etwas Unkontrollierbares auszulösen.« Nicht nur für sich selbst, auch für Negar und Aziz. Durch die Rückkehr ihrer Freundin werden auch sie gezwungen, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen und ihr Land neu zu betrachten.

Unterwegs in eine ungewisse Zukunft, zwischen der alten und einer neuen Heimat, die sie noch nicht kennen. Flüchtende im iranisch-türkischen Grenzgebiet © Emin Ozmen / Magnum Photos / Agentur Focus
 

In vielen Gesprächen und Interviews, die Signeyrole und ihre Co-Autorin, die Exil-Iranerin Sonia Hossein-Pour, mit jungen Leuten in Teheran geführt haben, sei vor allem eines deutlich geworden: »Ich war sehr überrascht, dass viel mehr möglich ist, als man denkt. Vieles ist zwar offiziell verboten, wird aber inoffiziell toleriert, solange man damit nicht hausieren geht.« Zumindest gelte das für die Großstädte und Künstler- und Musiker-Kreise. So tritt Negar im Stück als Sängerin in Underground-Clubs auf, obwohl das Singen im öffentlichen Raum den Frauen strikt untersagt ist. Mit Shirin erlebt sie eine homosexuelle Liebe, obwohl Homosexualität mit dem Tod bestraft werden kann. Aziz versucht als Dokumentarfilmer, diese Widersprüche einzufangen, sein Land so zu zeigen, wie es ist. Beide tarieren die Grenzen aus, so wie es die Menschen tun, mit denen die Regisseurin gesprochen hat.

Gerade weil es nicht ihr Land und nicht ihre Geschichte sei, gehe sie unvoreingenommen und mit viel Demut an die Sache heran, meint Marie-Ève Signeyrole. Sie wolle kein Klischee bedienen, sondern zeigen, wie komplex und vielschichtig die Lebensrealität dieser jungen Menschen ist, die trotz aller Unterschiede eines eint: Sie alle lieben ihr Land. Sie versuchen, sich Freiräume zu schaffen – und gehen dabei Kompromisse ein: »Negar greift auf die Zeitehe zurück, die von den Mullahs eingeführt wurde. Man heiratet auf Zeit, mindestens für eine Stunde, nur um Sex haben zu können.« Neben den Gesprächen waren die Ästhetik und Stimmung iranischer Filme eine wichtige Inspiration: »Iranische Filmemacher haben eine wahnsinnig subtile Art, Dinge zu vermitteln, ohne sie explizit zu benennen. Es wird viel gesagt, ohne es zu sagen.«

Es gehört zum Arbeitsprinzip der Regisseurin, in Welten einzutauchen, die nicht ihre eignen sind. Sie lässt sich auf fast journalistische Art durch andere einführen und erhebt die Zeugenberichte anschließend zu etwas Universellerem. Sie glaube an die Macht der Fiktion, sagt sie, trotzdem ist ihr die Fragilität ihrer Methode bewusst: »Man muss sehr behutsam an solche Themen herangehen, jeder Schritt ist wackelig. Ich verlasse mich auf das, was die Leute mir erzählen, aber es kann immer sein, dass sie irgendwo zu viel oder zu wenig sagen. Diese Gefahr nehme ich in Kauf.«

Text: Annabelle Hirsch

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