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„Aus dem Hinterhalt“ 2016–2022

Clubmusik-Produzenten, Drag Queens, DJs, Hexen und Musikmaschinen – „Aus dem Hinterhalt“ war immer für eine Überraschung gut. Sechs Spielzeiten lang nahm der „Hinterhalt“ die Neuproduktionen unter die Lupe und dekonstruierte sie

Gäste wie Matthew Herbert und Peaches machten gemeinsam mit unseren Ensemblesolist*innen die Tischlerei zu ihrer Experimentierstätte, zunächst unter der Riege von Alexandra Holtsch.  2019 übernahm Sänger und Regisseur Elia Rediger (Foto). Die Pandemie verlangte noch mehr Improvisation; mit Sofia Portanet, Max Prosa u. v. a. ging es nach längerer Pause in die erfolgreiche Fortsetzung. Im Juni und Juli gibt es nun die vorerst letzten „Hinterhalte“.

Im Oktober 2016 geht es los: Zum ersten Mal findet in der Tischlerei eine „Late-Night-Performance zur großen Oper“ statt. Unter der künstlerischen Leitung der Berliner Musikerin, Komponistin und Regisseurin Alexandra Holtsch erblickt die Reihe „Aus dem Hinterhalt“ das Licht der Welt. Formatbedingt ist dieses Licht natürlich kein Tageslicht, sondern das nächtliche Kunstlicht flackender Straßenlaternen, schummriger Neonreklamen und manchmal auch greller Spotlights. Man gibt sich urban, der leicht anrüchige Charakter der Reihe ist von Anfang an gewollt, zwielichtige Schattenfiguren einer nächtlichen Parallelwelt bestimmen die Szene.

Der Anfang gerät dementsprechend wild: Die kanadische Elektroclash-Ikone Peaches, der Rapper und Produzent Black Cracker und die Drag Queens um Pansy and the House of Present sind zu Gast in der Tischlerei. Gemeinsam mit unseren Ensemblemitgliedern und Orchestermusik*innen locken sie die Neuproduktion COSÌ FAN TUTTE in den Hinterhalt. „Sex und Liebe, Verführungskunst und Treue sind in der heutigen Clubkultur so aktuell wie in der Wiener Klassik, Egal, ob Rap oder Mozart – unter der Oberfläche brodelt immer der Wunsch nach einer Orgie“, schreibt Martina Helmig anschließend in der Berliner Morgenpost. Auch wenn für sie „nicht alles gut [ist] an diesem Abend“ und Mozart manchmal „schlimm von Bässen in falschen Tonarten überrumpelt“ wird – „das Spektakel ist groß und der Applaus am Ende ebenso.“ 

Erster großer Auftritt: Elektroclash-Ikone Peaches beim allerersten Hinterhalt im Oktober 2016 © Eike Walkenhorst
 

Der nächste „Hinterhalt“ dann hat es auf Meyerbeers LES HUGUENOTS abgesehen: Diesmal sind es der Dichter, Filmemacher und Stückeschreiber Tim Staffel und die Video-, Klang- und Performancekünstlerin Sonja Bender, die einen Chor und Gegenchor aufgestellt haben, um Meyerbeers Musik mit historischen Texten aus und Zeitdokumenten rund um die blutigen Ereignisse der Bartholomäusnacht kurzschließen. Größer könnte der Gegensatz zum ersten „Hinterhalt“ kaum sein. Doch ist es genau diese Vielfalt, die in den nächsten sechs Spielzeiten prägend für die Reihe werden soll.

Die klassische Guckkasten-Bühne ist aufgehoben, das Publikum sitzt auf Sitzsäcken und Polstern, wie hier bei „Aus dem Hinterhalt: LES HUGUENOTS“ © Eike Walkenhorst
 

Weiter geht es in mit dem britischen Elektromusik-Produzenten Matthew Herbert (zu Brittens DEATH IN VENICE). Er hat bereits Erfahrung damit, klassische Repertoirewerken zu zerlegen und neu zusammenzusetzen; sein „Remix“ von Mahlers unvollendeter 10. Sinfonie war einige Jahre zuvor in der Reihe „Recomposed“ bei der Deutschen Grammophon erschienenen. Reinhören können Sie hier auf Youtube.

Es folgen der Gitarrist Caspar Brötzmann und Komponist Christoph Coburger (zu Wagners DER FLIEGENDE HOLLÄNDER) und der russische Komponist Andrej Koroliov (zu Mussorgskijs BORIS GODUNOW). Letzterer macht sich in seinem „Hinterhalt“ auf die Suche nach dem „typisch Russischen“ und erforscht die Verbindungen zwischen der russischen und deutschen (Musik-)Geschichte. Dabei stellt er auch die Frage nach dem „Verhältnis der Mächtigen zum Kollektiv des Volkes“, wie damals in der Tischlereizeitung (Nr. 8, Frühjahr 2017) zu lesen ist. Und weiter: „BORIS GODUNOW ist in Zeiten von neu an Einfluss gewinnenden Demagogen und Populisten ebenso aktuell wie vor dem Hintergrund, dass Krieg in einer als überwunden geglaubten Form heute wieder Mittel russischer Machtpolitik geworden ist“. Fünf Jahre später, im Frühjahr 2022, klingt das beinahe wie ein tagesaktueller Kommentar auf den Politik-Seiten der FAZ oder SZ. Zeit für eine Neuauflage von „Aus dem Hinterhalt: BORIS GODUNOW“?

Lesen Sie nach im Blog: Punk und Putin. Mit Andrej Koroliov auf Spurensuche im russischen Berlin

Mit dem „Hinterhalt“ zu Meyerbeers LE PROPHÈTE von und mit „Einstürzende-Neubauten“-Percussionist N. U. Unruh sowie Künstler und Performer Ole Wulfers geht die Reihe im Dezember 2017 in ihre zweite Spielzeit. Es folgen die amerikanische No-Wave- und Underground-Poetin Lydia Lunch (zu Bizets CARMEN), das finnische Elektro-Duo Amnesia Scanner (zu Korngolds DAS WUNDER DER HELIANE) und mit dem Hinterhalt zur FLEDERMAUS im April 2018 ein weiteres Mal die Drag-Truppe um Pansy and the House of Presents und ein zweiter Gastauftritt von Black Cracker. Den Abschluss macht in dieser Spielzeit das Musiktheaterkollektiv „Hauen und Stechen“ mit „Aus dem Hinterhalt: IL VIAGGIO A REIMS“.

N. U. Unruh, Percussionist der Band „Einstürzende Neubauten“ an seinen selbstgebauten Instrumenten bei „Aus dem Hinterhalt: LEPROPHÈTE“ © Eike Walkenhorst
 

Die dritte Spielzeit der Reihe beginnt im November 2018 mit einem alten Bekannten und immer wieder gern gesehenen Gast in der Tischlerei: Black Cracker. Seine Beschäftigung mit Alban Bergs WOZZECK beschreibt er wie folgt: „Für meine Performance erzähle ich nicht die Geschichte […] im Ganzen, sondern nähere mich dem Inhalt und der Musik poetisch an. […] Das ist eine sehr emotionale Arbeit. […] Ich will eine bestimmte Atmosphäre erzeugen, das Gefühl, die Besucher wären Teil der Performance, sobald sie die Tischlerei betreten. Nichts an dieser Erfahrung darf gewöhnlich sein!“ (Libretto #3, November 2018).

„Rapper und Produzent Black Cracker über seine Arbeitsweise © Max Zerrahn
 

Den „Hinterhalt“ zur Neuproduktion von Offenbachs LES CONTES D’HOFFMANN im Dezember 2018 gestalten der ostdeutsche Ambient- und Minimal-Techno-Pionier Frank Bretschneider und die britische Klang- und Lichtkünstlerin Florence To. Ab 2019 dann vergibt das Musicboard Berlin jährlich zwei Inlandsstipendien für die Komposition und Gestaltung eines Abends in der Reihe – beginnend mit dem kanadischen Produzenten und Experimental-Popmusiker Ben Jackson (zu Bellinis LA SONNAMBULA) und dem Schweizer Clubmusik-Produzenten Gil Schneider (zu DER ZWERG). Für unser Libretto-Magazin erstellte letzterer damals eine Spotify-Playlist mit aktuellen Musikempfehlungen aus seinem Genre, die Sie hier hören können: Link zu Spotify.

Mit „Aus dem Hinterhalt: DON QUICHOTTE“ im Juni 2019 schließt sich dann der Kreis für Gründungskuratorin Alexandra Holtsch. Wieder ist Peaches zu Gast und es geht heiß her in der Tischlerei: Knapp zwanzig spärlich bekleidete Tänzer*innen und Performer*innen hat sie mitgebracht, die sie bei ihrer Show zu unterstützen. Das Berghain lässt grüßen.

Mit Beginn der Spielzeit 2019/20 übernimmt der Schweizer Sänger, Künstler und Lyriker die künstlerische Leitung der Reihe. Er hat sich vorgenommen, die einzelnen „Hinterhalte“ in einen noch stärkeren Bezug zueinander zu setzten und sich ein übergreifendes Thema überlegt: „Die Macht der Künste“. Im ersten „Hinterhalt“ unter seiner Ägide beschäftigt sich die russische Musikerin, Lyrikerin, Regisseurin und Künstlerin Mary Ocher, die sich selbst als „progressive, kosmopolitische und feministische Bohemienne“ bezeichnet, mit Verdis LA FORZA DEL DESTINO und der Macht des Schicksals; in „Aus dem Hinterhalt: A MIDSUMMER NIGHT’S DREAM“ folgt eine Auseinandersetzung mit der Macht der Bilder von und mit Redigers eigener Band „Brigade Futur 3“.

Elia Rediger, neuer künstlerischer Leiter ab der Spielzeit 2019/20. Mit ihm wird auch die ikonische Riesenhand fester Bestandteil der Reihe © Marcus Lieberenz
 

Im März 2020 dann der Schock: Die Corona-Pandemie bricht über uns herein und macht leider auch vor dem „Hinterhalt“ nicht halt. Alle weiteren Termine der laufenden Spielzeit müssen abgesagt werden. Einen einzigen „Hinterhalt“ nur gibt es in der darauffolgenden Spielzeit 2020/21: Die Klangkünstlerin und Produzentin Queen Alaska ist eingeladen, sich mit Wagners DIE WALKÜRE auseinanderzusetzen – wiederum ermöglicht durch das mittlerweile fest etablierte „Hinterhalt-Stipendium“ des Musicboards Berlin.

Mit der laufenden Spielzeit 2021/22 kehrt dann auch beim „Hinterhalt“ allmählich wieder so etwas wie eine Normalität ein. Die von Post-Punk, New Wave und französischem Chanson beeinflusste Sängerin und Songwriterin Sofia Portanet gestaltet den „Hinterhalt“ zu Wagner SIEGFRIED. Es folgt eine Doppelausgabe von Komponist und Trompeter Nils Ostendorf und seiner Synth-Rock-Band „Polypore“ (zu DAS RHEINGOLD) und Liedermacher und Theaterautor Max Prosa (zu GÖTTERDÄMMERUNG). Beide Teile können Sie auf YouTube noch einmal ansehen.

Aus dem Hinterhalt: Das Rheingold auf Youtube

Aus dem Hinterhalt: Götterdämmerung auf Youtube

In „Aus dem Hinterhalt: ANTIKRIST“ sind dann mit fast zwei Jahren pandemiebedingter Verspätung endlich auch die Maschinenmusiker von gamut inc zu Gast in der Tischlerei. 

Vor wenigen Wochen erst zeigte sich im „Hinterhalt“ zu Verdis LES VÊPRES SICILIENNES eine der größten Stärken der Reihe: Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine Ende Februar 2022 konnten die Macher*innen der Reihe schnell und flexibel reagieren und luden spontan den ukrainischen Tenor Valentyn Dityuk, das auf traditionelles ukrainisches und russisches Liedgut spezialisierte Ensemble Polýnushka und mehrere Osteuropa-Expert*innen zu einer hybriden Konzert- und Diskussionsveranstaltung in die Tischlerei ein. Thema war – wie konnte es anders sein – „Macht dem Frieden“.

Nach drei Spielzeiten neigt sich nun auch die „Epoche Rediger“ dem Ende zu. Im Juni und Juli 2022 gibt es die beiden vorerst letzten beiden Ausgaben – immerhin „Hinterhalt“ Nr. 23 und 24!

Special Guests: To be announced …

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03
DEZ

Adventsverlosung: Das 3. Fensterchen

Heute verlosen wir 2 mal 2 Freikarten für die Vorstellung von DIE FLEDERMAUS am 31. Dezember 2022 um 19.30 Uhr. Wenn Sie an der Verlosung teilnehmen möchten, senden Sie bitte heute eine E-Mail an marketing@deutscheoperberlin.de mit dem Betreff „Das 3. Fensterchen“.

2018 hob sich der Vorhang für eine Neuinszenierung der FLEDERMAUS in der Regie von Rolando Villazón. Dem umtriebigen Sänger, Regisseur, Moderator und Autor war diese Inszenierung eine Herzensangelegenheit, konnte er in Strauß’ Meisteroperette doch einerseits mit komischen Elementen spielen, andererseits aber auch dem Melancholisch-Nachdenklichen Raum geben. Denn in Strauß‘ Operette geht es ums Fremdgehen, um Underground-Partys und die betörende Macht des Champagner, aber eben auch um die Beschreibung gesellschaftlicher Fassaden und vor allem der Abgründe, die auf der Rückseite des bürgerlichen Salons lauern. Und weil eben einfach immer fremdgegangen, gefeiert und getrunken wird, versetzt Villazón die drei Akte in drei verschiedene Zeiten und nimmt das Publikum mit auf eine Reise vom 19. Jahrhundert über die 1950er Jahre in die Zukunft.

Es war bereits 1874 im Theater an der Wien eine Novität, dass der Walzerkönig Johann Strauß eine Handlung präsentierte, die nicht in mythischer Ferne oder in Fantasiestaaten spielte, sondern den großbürgerlichen Salon als Ausgangspunkt nahm. Das bürgerliche Publikum sah sich selbst mit all seinem Dünkel und seiner Doppelmoral auf der Bühne grotesk verzerrt. Die Geschichte war natürlich nicht neu: Strauß und sein Mitarbeiter Genée griffen auf eine französische Boulevardkomödie der Offenbach-Librettisten Meilhac und Halévy zurück, ergänzten sie aber durch pikante Details. Zum Beispiel den Auftritt der verkleideten Rosalinde auf dem Ball des Prinzen Orlofsky. Überhaupt geht die Zuspitzung und Zentrierung der Handlung auf das Maskenfest mit der finalen Huldigung des Alkohols, der allgemeinen Verbrüderung und dem champagnerseligen Du-i-du auf das Konto Genées. Ansonsten finden sich in der Farce rund ums Fremdgehen all die Zutaten, die zu einer guten Komödie gehören: Die aufmüpfige Kammerzofe, der versteckte Liebhaber, der selbst ehebrechende, doch eifersüchtige, Gatte und die verkleidete Gräfin.

Es singen und spielen für Sie u. a. Burkhard Ulrich, Hulkar Sabirova, Annika Schlicht, Attilio Glaser, Thomas Lehman, Padraic Rowan, Jörg Schörner, Meechot Marrero, Kathleen Bauer und Ingo Paulick unter der musikalischen Leitung von Yi-Chen Lin.


Einsendeschluss: 3. Dezember 2022. Die Gewinner*innen werden am 5. Dezember 2022 per E-Mail informiert. Die Karten gehen Ihnen per E-Mail zu. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.