Aus Libretto #3 (2022)

Sim Sala Oper

Oper bringt Gestalten, Figuren und Ideen auf die Bühne, die alles Rationale weit hinter sich lassen. Was fasziniert uns daran so? Dramaturg Sebastian Hanusa über die fabelhafte Zaubermaschine Oper

Oper zaubert! Was uns zur Weihnachtszeit so berührt, das hat auch im Rest des Jahres Gültigkeit. Oper bringt Gestalten, Dramen und Ideen auf die Bühne, die alles Rationale hinter sich lassen. Wenn die Illusionsmaschine Oper ihre Faszinationskraft entfaltet, glänzen Kinderaugen und die Herzen schlagen höher. Aber mehr noch als die erwünschte Wirkung ist es das Geschehen selbst, das oftmals magisch ist.

Schon in den Anfängen der Operngeschichte, in Monteverdis ORFEO zum Beispiel, geht es um die potenzielle Rückkehr einer Verstorbenen aus dem Totenreich. Die zum Leben erwachten Toten gehören Jahrhunderte lang zum magischen Inventar der Oper – neben diversen Flüchen, Zaubertränken, Verwandlungen zwischen Menschen, Göttern, Tieren und Gegenständen in jeder nur erdenklichen Richtung, Hellseherei, von Zauberhand beherrschten Naturgewalten sowie diversem »magischen Personal«. Sogar bei Offenbachs LES CONTES D’HOFFMANN begegnen wir mit dem singenden Bildnis von Antonias Mutter noch einem modernen Bühnengeist.

Am Anfang aber standen oft die Götter der klassischen Antike; ihre Mythologie ist die erste und bis heute ergiebigste Quelle für Opernstoffe. Die Götter sind Teil einer Welt, in der die Natur und ihre Gewalten belebt sind, sie ist magisch durchwirkt, noch nicht von der Aufklärung entzaubert. Und selbstverständlich haben diese Götter übersinnliche Kräfte, die sie auch auf der Bühne einsetzen – und sei es als Deus ex machina, der in mancher Barockoper die verfahrene Dramenhandlung mit seiner Zauberkraft zum guten Ende bringt.

Anders als seine polytheistischen Vorgänger allerdings tritt der christliche Gott (dem Bilderverbot folgend) nicht auf der Opernbühne auf. Aber auch er greift hin und wieder ins Operngeschehen. Gott erscheint gerne nur als »Stimme«, während sein teuflischer Gegenspieler in Form zahlreicher Baritonpartien ohnehin magisch überaktiv zu sein scheint.

So wird Zauberei ab dem 19. Jahrhundert auf der Opernbühne zumeist als Mittel des Bösen, Dämonischen und Abgründigen eingesetzt – hinter dem dann im 20. Jahrhundert die Psychoanalyse die inneren Triebkräfte des Menschen selbst entdeckt. Ein Paradebeispiel hierfür sind die Gegenspieler Hoffmanns in LES CONTES D’HOFFMANN; kraft ihrer magischen Fähigkeiten verhindern sie das Liebesglück des Protagonisten. Doch zugleich sind sie in der doppelten Fiktion des Stücks womöglich nur Gestalten seiner eigenen Fantasie, Projektionen seines Unterbewussten. Schließlich ist es Hoffmanns individuelle Selbst- und Weltwahrnehmung, durch deren Filter hindurch dem Publikum die drei Geschichten erzählt werden.

Und speziell im entscheidenden Moment des Olympia-Akts wird klar, dass abseits von Fragen der Magie und des Übersinnlichen das konkrete Handwerk der Zauberei zunächst einmal ein Spiel mit der menschlichen Wahrnehmung ist. Mittels einer Spezialbrille wird Hoffmanns Blick auf die Puppe Olympia so manipuliert, dass er sie als Mensch wahrnimmt, während alle anderen in ihr den Automaten sehen.

Damit ist LES CONTES D’HOFFMANN ein Stück, in dem gezaubert wird, in dem es aber zugleich darum geht zu zeigen, wie jemand verzaubert wird: indem seine Wahrnehmung manipuliert wird, beziehungsweise anhand einer Bühnenfigur mögliche Wahrnehmungsweisen von Welt vorgeführt werden.

Jakop Ahlboms Inszenierung von DON QUICHOTTE ist eine große Traumzauberei. Kein Wunder, der schwedische Regisseur ist ausgebildeter Illusionist © Thomas Aurin
 

Zum zentralen Thema eines Stoffes wird diese Frage nach der Art und Weise von Weltwahrnehmung in Cervantes’, von Jules Massenet als Oper vertontem »Don Quichotte«. Der Protagonist ist ein armer Landadeliger am Ende seines Lebens. Doch Kraft seiner Fantasie verändert sich seine Wahrnehmung. Er sieht sich als jugendlichen Helden und Liebhaber; Windmühlenflügel werden zu Riesen.

In der Deutschen Oper Berlin hat Regisseur Jakob Ahlbom, selbst ausgebildeter Illusionist, diese Zerrbilder auf die Bühne gebracht. Seine Zaubertricks verblüffen das Publikum, zugleich führt Ahlbom vor, wie Wahrnehmung das Verständnis von Welt erst konstituiert – und wie diese Idee von Welt verändert, manipuliert und wir in ihr getäuscht werden können. Vor der Erkenntnis aber kommt das Staunen. Wir staunen über das, was nicht sein kann, nicht möglich ist. Jenseits aller »Schulen der Wahrnehmung« dürfte sich hier der Grund dafür finden, warum es in der Oper so oft magisch zugeht: Hier wird für einen kurzen Augenblick das auf der Opernbühne wirklich, was mit Vernunft betrachtet so nicht möglich wäre. Oper zaubert. Und aus dem Zauber wird Welt. Aber welche?

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DEZ

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Dauer: ca. 25 Minuten / Eintritt frei


Die kleine Gerda macht sich auf den Weg, ihren besten Freund Kay zu suchen, der von einem Tag ganz verändert und dann verschwunden ist. Mit Hilfe von Krähe und Rentier findet sie am Ende den Weg in den kalten Norden Lapplands und kann mit der wahren Macht der Freundschaft – dem Lachen – ihren Kay aus den Klauen der Schneekönigin befreien. Intendant Dietmar Schwarz liest aus Hans Christian Andersens berührendem und weltberühmten Märchen DIE SCHNEEKÖNIGIN vor. Ein Muss für alle, die Märchen lieben!